Im Visier: Fliegende Bildschirme und intelligenzgeladene Kreativ-Produkte

Stuttgart | 13.12.2016 | Das Karl-Steinbuch-Forschungsprogramm ermöglicht Forschung, die Kreativunternehmen weiter bringt
 Prof. Scheible bringt fliegendes Display zur Einsatzreife (HdM) Prof. Scheible bringt fliegendes Display zur Einsatzreife (HdM)

Ein großer Medien-Screen schwebt entlang der Königstraße in Stuttgart. Im Flug eskortiert er herbeiströmende Open-Air-Gäste zum Festival-Gelände auf dem Schlossplatz und verteilt sie durch dynamische Wegweiser optimal auf die verschiedenen Eingänge.

Ein fliegender Monitor? Das klingt nach Science-Fiction, könnte aber schon bald wahr werden. Denn ein Forscherteam um Prof. Dr. Jürgen Scheible von der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart hat bereits einen entsprechenden Prototypen konstruiert.
 

 Testflug des ersten Prototypen für ein fliegendes Display (Bild: HdM) Testflug des ersten Prototypen für ein fliegendes Display (Bild: HdM)


Schwebender interaktiver Medien-Bildschirm wird Wirklichkeit

Das Karl-Steinbuch-Forschungsprogramm (KSF), mit dem die MFG Stiftung Baden-Württemberg seit 2011 besonders innovative Forschungsarbeiten anwendungsorientierter Wissenschaftler in Baden-Württemberg unterstützt, ermöglicht es Scheible und seinem Team nun, den Prototypen bis zur Einsatzreife zu bringen. Ab Januar 2017 werden sie Anwendungen und Interaktionsschnittstellen für beispielhafte Einsatzszenarien der „DisDrone“ entwickeln und diese anschließend in einer realen Umgebung testen.

Dr. Andrea Buchholz: „Wir fördern Forschung die Kreativunternehmen weiterbringt.“ (Bild: MFG) Dr. Andrea Buchholz: „Wir fördern Forschung die Kreativunternehmen weiterbringt.“ (Bild: MFG)

Forschung die Kultur- und Kreativschaffende weiter bringt

Die „DisDrone“ ist dabei nur eines von drei aktuellen Forschungsvorhaben, welche das KSF mit bis zu 60.000 Euro unterstützt. Weitere Projekte der nunmehr fünften Ausschreibungsrunde sind eine Nachwuchsstudie und eine Markt- und Potenzialanalyse zu digital-physischen Produkten. Allen gemeinsam ist: Sie verfolgen Ansätze, die noch ungenutzte Potenziale der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) erschließen und Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft weiterbringen. „Die drei neu anlaufenden und die acht bereits abgeschossenen Karl-Steinbuch-Forschungsprojekte zeigen: Gerade für Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft, die häufig keine eigenen Kapazitäten für Marktanalyse, Forschung und Entwicklung haben, lohnt es sich, mit den Hochschulen für angewandte Wissenschaft im Land zusammenzuarbeiten“, beschreibt Dr. Andrea Buchholz, Leiterin des Projektteams Talent- und Forschungsförderung, ihre Erfahrung.

So könnten etwa Konzertveranstalter, Event- oder Werbeagenturen mit der „DisDrone“ vollkommen neue Kommunikationsformate für sich nutzen, um mit Communities, die sich temporär versammeln oder in Bewegung sind, sehr gezielt zu interagieren. „Wenn Akteure der Kreativwirtschaft Interesse am Einsatz der „DisDrone“ haben“, sagt Scheible, „freuen wir uns, wenn sie sich melden, um uns ihren spezifischen Bedarf zu beschreiben“ (Kontakt: scheible@hdm-stuttgart.de).

 Prof. Martin Mocker und Jana Röcker erforschen Potenziale digital-physischer Produkte (Bild: ESB) Prof. Martin Mocker und Jana Röcker erforschen Potenziale digital-physischer Produkte (Bild: ESB)

Physische Kreativ-Produkte mit digitaler Intelligenz anreichern

Ein Forscherteam des Reutlingen Research Institute an der Hochschule Reutlingen geht der Frage nach, inwieweit die Kreativwirtschaft das Potenzial nutzt, das in der Anreicherung physischer Produkte mit digitalen Komponenten steckt. „Im Maschinenbau oder in der Automobilindustrie gilt ‚Industrie 4.0‘ längst als Megatrend, der sich zum Beispiel in Form von intelligent vernetzten Fertigungsstraßen oder teilautonomen Fahrzeugen zeigt“, sagt Prof. Dr. Martin Mocker. Dagegen seien die Veränderungen, die von digital-physischen-Produkten in der Kreativwirtschaft ausgingen, noch weitgehend unerforscht, so der Experte für digitale Transformation.

Gemeinsam mit Betriebswirtin Jana Röcker will Mocker nun untersuchen, welche derartigen Produkte in der Kreativwirtschaft heute und in Zukunft entstehen und wie Kreativunternehmen daraus resultierende Herausforderungen meistern oder Chancen nutzen können.

„Spielerische Anwendungen von digital-physischen Produkten finden Sie fast überall“, berichtet Mocker. Ziel des KSF-Forschungsprojekts sei es aber, diejenigen Ausprägungen zu identifizieren, denen eine ernstzunehmende wirtschaftliche Bedeutung zukomme. „Kreativschaffende, die an der Herstellung digital-physischer Produkte beteiligt sind, laden wir herzlich dazu ein, mit uns ihre Beispiele zu besprechen (Kontakt: jana.roecker@reutlingen-university.de)

Prof. Andreas Baetzgen ergründet die Vorlieben von begehrten Nachwuchskräften (Bild: HdM) Prof. Andreas Baetzgen ergründet die Vorlieben von begehrten Nachwuchskräften (Bild: HdM)

Treiber und Barrieren für einen Berufseinstieg in der Kreativwirtschaft

Die „Nachwuchsstudie Kreativwirtschaft“ lenkt den Blick auf einen kritischen Erfolgsfaktor der Branche, auf die Rekrutierung von Personal.

Laut Prof. Dr. Andreas Baetzgen, Experte für strategische Kommunikation und Markenführung an der HdM, sorgen in der Kreativwirtschaft künftig zwei Faktoren für eine erhebliche Verschärfung des Fachkräftemangels: Erstens der demografische Wandel und zweitens die Notwendigkeit, mehr IT-Expertise aufzubauen.

„Einerseits stellt diese Entwicklung die Kreativwirtschaft vor gewaltige Herausforderungen, etwa weil das Einstiegsgehalt von IT-Kräften deutlich über dem liegt, was in der Branche sonst üblich ist, die ja durch kleine und mittlere Betriebe geprägt ist“, so Baetzgen. Andererseits könnten laut Baetzgen aber „gerade die spezifischen Beschäftigungsstrukturen in der Kreativwirtschaft – mit ihrem hohen Maß an Projektorientierung und selbstbestimmten Arbeitsformen – für junge, IT-affine Nachwuchskräfte interessant sein, wenn man den einschlägigen Studien zur ‚Generation Y‘ glauben darf.“

Handlungsempfehlungen für Personalrecruiting und Standortpolitik

Basierend auf einer Befragung abschlussnaher Studierender aus den Bereichen Informations-/Kommunikationstechnologie und Gestaltung wollen Baetzgen und seine Kollegen Treiber und Barrieren für einen Berufseinstieg in der Kultur- und Kreativwirtschaft identifizieren und deren Häufigkeitsverteilung ermitteln. Die Erkenntnisse aus Gruppeninterviews und bundesweiter Online-Befragung wollen die Wissenschaftler in einem Workshop mit Personalmanagern aus Kreativbetrieben besprechen, um Handlungsempfehlungen fürs Recruiting und die Standortpolitik abzuleiten. Die Ergebnisse, die das Projekt Mitte 2018 in kompakter Form veröffentlicht, dürfen mit Spannung erwartet werden.

Autorin: Silva Schleider
Mehr Infos:

Karl-Steinbuch-Forschungsprogramm (KSF)
Hochschule der Medien, Stuttgart, Screen- und Interaktionsdesign
Hochschule Reutlingen, Forschungsgruppe Digitalisierung und Management
Hochschule der Medien, Stuttgart, Werbung und Marktkommunikation