Simultane Übersetzung: Lehre ohne Sprachbarrieren

20.06.2012 | Vorlesung, Übersetzung, Forschung
Der Vorlesungsübersetzer befindet sich im Testbetrieb. (Bild: Sandra Göttisheim) Der Vorlesungsübersetzer befindet sich im Testbetrieb. (Bild: Sandra Göttisheim)

Die Internationalisierung stellt Universitäten auch vor sprachliche Herausforderungen: Sollen sie ihre Lehrveranstaltungen auf Englisch umstellen – oder müssen alle ausländischen Studierenden Deutsch lernen? Eine alternative Lösung hat das Institut für Anthropomatik des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) entwickelt: den – an einer Universität – weltweit ersten automatischen simultanen Übersetzungsdienst per Computer. Professor Alex Waibel und sein Team stellten das System nun am KIT-Campus Süd vor.

Das Programm soll das KIT im internationalen Wettbewerb stärken und für ausländische Studenten noch interessanter machen. „Am KIT haben wir etwa 16 Prozent ausländische Studierende, an Universitäten in den USA sind es bis zu 50 Prozent“, sagt KIT-Präsident Professor Horst Hippler, „im internationalen Wettbewerb um die besten Wissenschaftler sind wir also noch im Nachteil“. Das System des Vorlesungsübersetzers soll helfen, noch mehr talentierte Studierende aus dem Ausland nach Karlsruhe ans KIT zu holen und Sprachbarrieren zu überwinden.  Von dem Service profitieren aber nicht nur ausländische Studenten, sondern auch hörgeschädigte Personen.

Bei den ausländischen Studenten kommt der Dienst gut an (Bild: Sandra Göttisheim) Bei den ausländischen Studenten kommt der Dienst gut an (Bild: Sandra Göttisheim)

Übersetzung ins Englische in Echtzeit

„Der Vorlesungsübersetzer zeichnet automatisch den Vortrag des Referenten auf, verschriftet ihn und übersetzt ihn in Echtzeit ins Englische“, sagt Professor Alex Waibel. „Über ihren PC oder ihr Mobiltelefon können die Studierenden dann der Vorlesung folgen.“ Zudem übersetzt die Technologie auch die Vorlesungsfolien und ermöglicht den Zugriff auf vergangene Veranstaltungen über Suchbegriffe in den verschrifteten Vorträgen.

Der Vorlesungsübersetzer kombiniert die Technologien der automatischen Spracherkennung und der statistischen maschinellen Übersetzung zu einem integrierten System. Hilfskomponenten kümmern sich dabei um die Strukturierung des Textes, die Zeichensetzung, die Behandlung von Komposita im Deutschen sowie die Aufnahme des Vortrages und die Anzeige des Übersetzungsergebnisses. Die Verknüpfung der Elemente erfolgt dabei mithilfe einer innovativen Serviceinfrastruktur.

Der Vorlesungsübersetzer in Echtzeit ins Englische. Der Vorlesungsübersetzer in Echtzeit ins Englische. (Bild: Sandra Göttisheim)

Vorlesungsübersetzer derzeit im Testbetrieb

Der Vorlesungsübersetzer läuft zurzeit im Testbetrieb in Lehrveranstaltungen der Fakultäten Informatik und Maschinenbau am KIT. Im nächsten Semester wird er voraussichtlich auch für das Fach Geografie bereit stehen. Nach und nach sollen weitere Lehrbereiche folgen. Außerdem ist geplant, künftig mehrere Sprachen zur Auswahl anzubieten. „Die Übersetzung ist nicht immer perfekt“, sagt Waibel, „aber sie wird Teil der sprachlichen Werkzeuge, mit denen nun Studierende den Vorlesungen trotz Sprachbarrieren besser folgen können“.

Trotz des einen oder anderen Fehlers, der noch behoben werden muss, ist der Service schon jetzt für die nicht deutsch-sprachigen Studenten eine echte Bereicherung, lautet das erste Fazit von Margit Rödder von der Kommunikationsabteilung. „Die ausländischen Studierenden erzählen, dass ihnen die Übersetzungen schon jetzt richtig helfen“, berichtet sie. Und nicht nur den Uni-Besuchern in Karlsruhe soll der Dienst in Zukunft zugutekommen. „Wenn der Vorlesungsübersetzer fertig ist, stellen wir ihn natürlich gerne auch anderen Hochschulen und Einrichtungen zur Verfügung“, kündigt sie an.  Wann es so weit ist und die Testphase beendet werden kann, könne sie aber noch nicht sagen.

Jahrzehntelange Forschung am KIT

Der Dienst des Vorlesungsübersetzers ist das Ergebnis von zwei Jahrzehnten Forschung von Alex Waibel und seinen wissenschaftlichen und kommerziellen Partnern, vor allem der Carnegie Mellon University, Pittsburgh, sowie Mobile Technologies LLC & GmbH, New York. Unterstützung erhält der deutsche Vorlesungsübersetzer auch aus Mitteln der Europäischen Kommission sowie der deutschen Exzellenzinitiative.

Text: KIT/ MFG Innovationsagentur Baden-Würrtemberg
Mehr Infos:

Interactive Systems Labs (ISL)
Karlsruher Instituts für Technologie (KIT)