3D-Fossilien und digitale Katastrophenhelfer
06.12.2010 | Stipendienprogramm, Talente, Preisträger
Animation trifft auf Paläontologie im Dienste der Forschung, Medizin auf Informatik zum Zwecke der Krebstherapie: Die neue Generation der Karl-Steinbuch-Stipendiaten beweist, dass junge Wissenschaftler mit innovativen Ideen im Land für Fortschritt sorgen. 16 interdisziplinäre IT- und Medienprojekte unterstützt das Stipendienprogramm der MFG Stiftung Baden-Württemberg in diesem Jahr.
Medienminister Helmut Rau gratulierte am 22. November im Gobelin-Saal der Stuttgarter Villa Reitzenstein der neuen Generation der Karl-Steinbuch-Stipendiaten zu einem wichtigen Schritt in ihrer noch jungen Karriere. Die Jury des Karl-Steinbuch-Stipendiums haben 23 Studierende in diesem Herbst von ihren Qualitäten überzeugt. Die 16 Projekte dieser jungen Forscher unterstützt die MFG Stiftung Baden-Württemberg mit rund 145.000 Euro. Seit dem Start des Programms im Jahr 2004 seien auf diesem Weg bereits 1,7 Millionen Euro in die Förderung der Nachwuchstalente in Baden-Württemberg geflossen, die interdisziplinäre IT- und Medienprojekte umsetzen wollen. „Das Stipendium ist ein klares Signal an Ihre Generation, denn Sie sind die Leistungsträger von morgen“, sagte Minister Helmut Rau. Das Wachstum im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie sei „unvergleichlich“, daher sei eine Förderung des Engagements junger Wissenschaftler in diesem Kontext wichtig. Rau stellte außerdem den interdisziplinären Ansatz der Arbeiten als wesentlichen Gedanken heraus. „Sie stehen am Einstieg in ein spannendes, aber auch forderndes Forscherleben. Die Voraussetzungen dafür bringen Sie mit“, schloss der Minister seine Gratulation. Schließlich sei eine Voraussetzung, die Förderung der MFG Stiftung zu bekommen, dass die Projekte außerhalb des Hochschulcurriculums angesiedelt sind – also keine Pflichtaufgabe sind. Mit Worten des Schriftstellers George Bernard Shaw schloss sich MFG-Geschäftsführer Klaus Haasis dem Lob des Medienministers an: „Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an. Der unvernünftige besteht auf dem Versuch, die Welt sich anzupassen. Deswegen hängt aller Fortschritt vom unvernünftigen Menschen ab“.
Großereignisse auswerten – Unglücksfälle vorhersehen
Benjamin Erb und Tobias Schlecht sind zwei dieser Menschen, die den Fortschritt voranbringen wollen. Die beiden Informatiker von der Universität Ulm wollen eine Online-Plattform schaffen, auf der eine große Nutzermenge multimediale Dokumente wie Bilder, Texte und Videos zusammentragen kann. Eine erste Version haben sie bereits kreiert. „Damit können die Nutzer Daten sammeln und mit Informationen versehen“, sagt Tobias Schlecht. Die Daten können bei Großereignissen wie Konzerten, Sportevents oder bei großen Unglücksfällen mit Smartphones übertragen werden. Die geplante Plattform diretto.resc geht einen Schritt weiter: Sie soll mit Algorithmen zusätzliche nützliche Informationen über den aktuellen Zustand generieren beziehungsweise ableiten können. Beispielsweise indem sie bei einem Unglücksfall Einsatzkräfte dabei unterstützt, ihre Rettungsaktion zu koordinieren: „Die Software soll zum Beispiel erkennen können, wenn es in einer Menschenmenge aufgrund der Enge zu einem gefährlichen Gedränge kommt.“ Auf die Idee, sich für das Stipendium zu bewerben, kamen sie durch einen ehemaligen Stipendiaten. Dank der Förderung der MFG Stiftung Baden-Württemberg sei es ihnen möglich, das in einer Studienarbeit begonnene Projekt auszuweiten, sagen der 25-jährige Tobias Schlecht und der 24 Jahre alte Benjamin Erb.
Verschollene Wesen zum Leben erwecken
Anja Reiß und Jennifer Bury, Studentinnen der Filmakademie Baden-Württemberg, arbeiten mit dem Steinmann-Institut für paläontologische Studien in Bonn zusammen. Sie haben den Ehrgeiz, Wesen mittels fotorealistischer 3D-Visualisierung zum Leben zu erwecken, die „Jahrmillionen verschollen“ waren – so der Titel ihres Filmprojektes. Die 27-jährige Animationsstudentin Jennifer Bury und die 32-jährige Studentin im Fach Bildungs- und Wissenschaftsfilm, Anja Reiß, arbeiten an einer Animation der damaligen Unterwasserwelt, in der Meeresbewohner zu sehen sein sollen, deren Fossilien im Hunsrück gefunden wurden. „Das können die Wissenschaftler alleine nicht, und das können wir Filmemacher nicht ohne sie“, sagt Anja Reiß über den interdisziplinären Ansatz des Projekts, das sie im kommenden Jahr dank des Stipendiums mit einem neunköpfigen Team stemmen wollen.
Erleichterung für die Krebstherapie
Alfred Michael Franz arbeitet an der Schnittstelle zwischen IT und Medizin. Der 27-jährige Student der medizinischen Informatik entwickelt ein Navigationsgerät, das in der Behandlung von Lebertumoren zum Einsatz kommen soll. Das Gerät soll Ärzten helfen, mit einer erhitzten Nadel in die Tumore zu stechen und diese so zu bekämpfen. Während bei der bekannten Methode relativ große Nadeln zur Markierung der Krebsgeschwüre eingebracht werden, deren Position den Arzt über ein Computertomographiebild leiten, soll bei Franz‘ Entwicklung ein elektromagnetisches Tracking-System zum Einsatz kommen. Zum einen können dadurch kleinere Nadeln als Marker am Organ verwendet werden. Zum anderen muss das Navigationsgerät keinen direkten optischen Kontakt zum Patienten und damit zu den markierenden Nadeln haben, was dem Behandelnden eine größere Bewegungsfreiheit verschafft.
Serious Games für Lernzwecke
Shard ist der Arbeitstitel des Projekts von Florian Berger, der zurzeit an der Pädagogischen Hochschule in Weingarten seine Dissertation schreibt. Er will eine Game Engine entwickeln, mit der Lehrer und Forscher einfache Lernspiele selbst entwickeln können. Der 32-jährige Medieninformatiker entschied sich für die Promotion in der Fachrichtung Mediendidaktik, weil er sein technisches Wissen für die Lehre in einer Hochschullaufbahn nutzen will. Nun forscht er für seine Arbeit über Game-based-Learning das Vermitteln von Lehrinhalten mit SeriousGames. „Ich habe aufgrund meines ersten Studiums das notwendige Wissen in Informatik, um kleine Spielanwendungen zu entwerfen“, sagt der Doktorand. Doch den meisten Pädagogen der Mediendidaktik würde dieses Wissen fehlen. Daher will er neben seiner Forschung für die Doktorarbeit die Game Engine entwerfen. „Sie verwaltet als Motor des Spiels alles, was auf dem Bildschirm zu sehen ist“, beschreibt er die Funktion. Parallel entsteht auch ein Editor. Beides will er unter einer Open-Source-Lizenz zur Verfügung stellen. Schon bei der Urkundenverleihung und bei der Bewerbung habe er festgestellt, dass durch das Karl-Steinbuch-Stipendium wertvolle Netzwerke entstehen, so Berger.
Das bestätigte den frisch ausgezeichneten Stipendiaten auch Felix Barth von der Stuttgarter Firma Spiral Studios. Vor zwei Jahren war er noch Stipendiat, als er mit Kommilitonen ein Serious Game entwarf. „Dran bleiben“, riet er seinen Nachfolgern. Durch die Arbeit an dem Projekt habe er mit Kollegen den Weg in die Firmengründung gewagt. Inzwischen sind Spiral Studios mit ihren dreidimensionalen Kommunikationslösungen und interaktiven Anwendungen für Firmen wie Bosch und EADS tätig. Felix Barth ist eines von 189 Spitzentalenten, deren 131 Projekte im Land seit der Einführung des Karl-Steinbuch-Stipendiums gefördert wurden.
Das Stipendium trägt den Namen des 1917 in Stuttgart geborenen Physikers Karl Steinbuch. Er prägte den Begriff „Informatik“ und meldete bis zu seinem Tod im Jahr 2005 rund 80 Patente an. An der Universität Karlsruhe baute er das Institut für Nachrichtenverarbeitung auf, das er bis zu seiner Pension leitete.