Der Tellerrand darf nie die Grenze sein

Stuttgart | 07.10.2014 | Beim Stuttgarter Barcamp tauschen sich über 200 Teilnehmer zu digitalen und analogen Themen aus
Als Location für das Barcamp Stuttgart 2014 diente der Hospitalhof. Als Location für das Barcamp Stuttgart 2014 diente der Hospitalhof. (Bild: Tilo Hensel)

Vorträge halten, Wissen vermitteln, Zuhören, Netzwerken – und das von Angesicht zu Angesicht. Auch im Zeitalter von E-Mail, Skype und Hangouts findet sie ihren Platz und ihre Berechtigung: die Konferenz. Sie bringt Menschen an einem Ort zusammen, um sich auszutauschen. In der Regel Menschen, die etwas zu sagen haben, mit spezifischem Know-how zu einem Thema oder einer Fragestellung. Oder Menschen, die sich gezielt informieren wollen.

Bei einer Konferenz gibt es vor Ort Organisatoren, Referenten und Teilnehmer. Die Rollen sind normalerweise klar verteilt und stehen im Vorfeld fest. Gesetzte Punkte auf der Tagesordnung bestimmen den Ablauf. Nichts ist dem Zufall überlassen. Man könnte auch von ungeschriebenen Gesetzen und festen Standards sprechen, nach denen eine Konferenz abläuft.

Bei der Planung stehen die Teilnehmer Schlange, um ihre Session vorzustellen. Bei der Planung stehen die Teilnehmer Schlange, um ihre Session vorzustellen. (Bild: Tilo Hensel)

Eine Konferenz, die eigentlich keine ist

Nicht so bei dem wohl bekanntesten Format einer Nicht-Konferenz, dem Barcamp. Eine Konferenz, die gleichzeitig keine ist – geht das? Auf einem Barcamp geht es in erster Linie um den offenen und spontanen Austausch zwischen den Teilnehmern. Menschen kommen an einem Veranstaltungsort zusammen, doch es gibt vorab keine Anmeldung als Referent, keine Keynote und auch keine Zuschauer. Denn: Jeder Teilnehmer ist potenzieller Speaker, Moderator und Referent zugleich und aufgefordert, sein Know-how, seine Ideen oder Fragen einzubringen. So entsteht das Programm spontan vor Ort.

Das Interesse an den sogenannten Unkonferenzen ist beachtlich. Das zeigt zum Beispiel das Barcamp Stuttgart, das am 20. und 21. September 2014 im Spitalhof über die Bühne ging. Über 200 Teilnehmer, darunter  Studenten, Start-ups, Kreative und Entwickler, tauschten sich in 130 offenen Sessions zu den verschiedensten Themen aus. Jan Theofel, professioneller Barcamp-Veranstalter und feste Größe in der deutschen Barcamp-Szene, stellte die Konferenz in Stuttgart zum siebten Mal auf die Beine. „Mit dem Barcamp Stuttgart bringen wir viele Menschen mit unterschiedlichen Blickwinkeln zusammen, die allesamt was Neues lernen oder ihr Wissen weitergeben wollen“, sagt Theofel.
 

In lockerer Runde geht es in den Sessions hauptsächlich um digitale Themen. In lockerer Runde geht es in den Sessions hauptsächlich um digitale Themen. (Bild: Tilo Hensel)

Digitale Themen und Trends, die die Gesellschaft betreffen

Ein Barcamp lebt von seinen Sessions und den Teilnehmern, die sie anbieten. Sessions – das sind Vorträge, Diskussionsrunden, Präsentationen, Workshops oder Tutorials. Die Themen der Sessions sind beim Barcamp Stuttgart völlig offen. Jeder bietet an, worin er Experte ist oder Experte werden möchte. Das Niveau der Sessions variiert, von laienhaften Vorträgen bis zu professionellen Workshops ist alles dabei.

Die Leitthemen sind Web, Social Media und Digitales, weil sie nahezu alle gesellschaftlich relevanten Themen tangieren. „Aber der Tellerrand darf nie die Grenze sein“, betont Jan Theofel. So stehen beispielweise auch Fragen rund um Selbstständigkeit, Persönlichkeitsentwicklung und Freizeitgestaltung auf der Session-Agenda.

Der Bezug zu digitalen Themen und Trends liegt mit an der Geschichte des Barcamps. Sein Erfinder Tim O’Reilly, Internet-Pionier und Web 2.0-Initiator, lud 2003 zum ersten sogenannten „Foocamp“, einem Wochenend-Brainstorming. Foo steht für Friends of O’Reilly, da Tim O’Reilly nur einen exklusiven Kreis an Web-Experten ansprach. Foo und Bar stehen außerdem für Platzhalter in der Programmiersprache. Aus dem Foocamp entstand die Idee, eine ähnliche, aber offene Veranstaltung ins Leben zu rufen. Damit war das Barcamp-Format geboren; eine regelrechte Bewegung entstand und verbreitete sich rund um den Globus, von den USA über Asien bis nach Australien. Auch in deutschen Städten gibt es zahlreiche Barcamps. In Baden-Württemberg gehören neben dem Barcamp Stuttgart, auch das am Bodensee und in Karlsruhe zu den größeren Veranstaltungen. 

Zwischen den Vorträgen bleibt genügend Zeit zum Netzwerken. Zwischen den Vorträgen bleibt genügend Zeit zum Netzwerken. (Bild: Tilo Hensel)

Barcamps für Anfänger und die perfekte Website für Digital Natives

Das Angebot der Sessions auf dem Barcamp Stuttgart ist so vielseitig wie die Barcamp-Besucher selbst. Software-Entwickler, Werbetexter, Yogalehrer, Blogger und Kommunikatoren; Selbstständige, Start-ups und Studenten – sie alle sind aufgefordert, den Tag mitzugestalten und ihre Sessions auf einer Bühne kurz vorzustellen. Kann genug Interesse geweckt werden, wird die Session parallel an einer Pinnwand ins Programm mit aufgenommen.

Familie 2.0, günstig Bahnfahren, E-Commerce, Podcasting, SEO, Shitstorm-Management, Roboterjounalismus – manch einem mag die Auswahl schwerfallen. Doch entscheiden muss man sich, denn zum Teil finden bis zu 13 Sessions gleichzeitig statt. Barcamp-Neulinge können sich gleich zu Beginn in einer Einsteiger-Session darüber informieren, was sie auf diesen Events erwartet.

Barcamp-Teilnehmer Julian Kögel und sein Kollege Nicolas Tribukait aus Konstanz bauen gerade eine Nachrichtenwebsite – Himate! – für Digital Natives auf. Eine Beta-Version stellen sie in ihrer Session vor und diskutieren anschließend mit potenziellen Nutzern. „Für uns ist der Austausch mit den anderen Teilnehmern enorm wichtig. Wir haben in unserer Session wertvolles Feedback zu unserer Website erhalten und wissen jetzt, an welchen Stellen wir noch optimieren können“, sagt Kögel. Neben der eigenen Session, besuchen sie auch Sessions der anderen Teilnehmer. „So erweitern wir unser Netzwerk und unser Wissen, da wir uns hauptsächlich Themen anhören, von denen wir selber keine große Ahnung haben“, erzählt sein Teamkollege Nicolas Tribukait.

Für Jan Theofel (rechts) ist der Austausch zwischen den Teilnehmern wichtig. Für Jan Theofel (rechts) ist der Austausch zwischen den Teilnehmern wichtig. (Bild: Tilo Hensel)

Das Barcamp ist, was die Teilnehmer daraus machen

Letztlich geht es genau darum, Wissen auch im digitalen Zeitalter von Angesicht zu Angesicht weiterzugeben und transparent zu machen, zu diskutieren und in Frage zu stellen. Die Teilnehmer konsumieren nicht nur, sondern tragen aktiv zur Weiterverbreitung von Informationen bei. Somit sind sie selbst für das Gelingen der Veranstaltung verantwortlich. Von diesem Konzept ist auch Jan Theofel überzeugt: „Der Wissensaustausch und das Teilen stehen im Vordergrund. Es gibt dabei kein Konkurrenzdenken, man hat einfach zusammen Spaß.“

Das Prinzip der Offenheit zieht sich nicht nur durch die beiden Veranstaltungstage. Auch im Anschluss werden Ergebnisse, Protokolle, Videos  und Fotos der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Auf der offiziellen Website können die Teilnehmer ihre Blogbeiträge und Nachberichte hochladen, Bildergalerien und Podcasts erstellen. Die Berichte und Kommentare thematisieren auch die Vorfreude auf das nächste Barcamp. In Stuttgart ist es im September 2015 wieder so weit. Wem das zu lange dauert, der findet auf Barcamp-Liste.de eine Übersicht aller Barcamps in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Autorin: Karina Strecker
Mehr Infos:

Barcamp Stuttgart
Bilder vom Barcamp Stuttgart
Barcamp-Liste
Barcamp-Organisation Jan Theofel

MFG-Themenreihe „Digitale Gesellschaft“