Am Update der Wissenschaft wird bereits geschrieben

Stuttgart | 22.11.2016 | Wissenschaftler und Bibliotheken fordern mehr Open Access bei wissenschaftlichen Publikationen
Bücher Sollen durch Open Access leichter werden: Akademische Publikationen (Bild: Pixabay)

Es geht um Geld und Anerkennung. Will ein Wissenschaftler Forschungsergebnisse veröffentlichen, reicht er sie als Artikel bei einer Fachzeitschrift ein. Je angesehener die Zeitschrift, desto höher das Renommee für den Wissenschaftler. Doch mit dem Renommee steigt auch der Preis, den Verlage für ein Abonnement oder einen Einzelbeitrag von den Lesern fordern. Für Verlage ist das ein lukratives Modell: Die öffentliche Hand bezahlt die Forschung, die Wissenschaftler schreiben, die Verlage kassieren für die Verbreitung der Ergebnisse.

Frank Scholze Frank Scholze, Direktor der Bibliothek am KIT

SPARC Europe: Engagement für Open Access

„Die Umsatzrenditen der großen Wissenschaftsverlage liegen bei 30 bis 40 Prozent“, erklärt Frank Scholze. Er ist Direktor der Bibliothek am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und engagiert sich bei SPARC Europe, der Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition. SPARC Europe setzt sich unter anderem dafür ein, dass wissenschaftliche Ergebnisse und Daten frei, also nach dem Open-Access-Prinzip, zugänglich werden. Dabei kann auch die Vorabbegutachtung von Fachbeiträgen, das so genannte Peer-Reviewing, offener im Sinne von Open Science gestaltet werden.

SPARC Europe SPARC Europe: Plattform für Open Access Publikationen (Bild: Screenshot)

Physiker verhandeln mit Erfolg

„Die Hochenergiephysik war der Vorreiter“, sagt Scholze. „Schon lange werden dort vor Veröffentlichung so genannte Pre-Prints über Server ausgetauscht und diskutiert. Es entstand eine Form von Peer-Reviewing vor der offiziellen Veröffentlichung in Zeitschriften.“ Irgendwann wollten die Wissenschaftler den Bruch zwischen Pre-Print und Zeitschrift nicht mehr akzeptieren. „Sie haben im Rahmen des SCOAP3-Konsortiums mit den Verlagen erfolgreich verhandelt. Die Verlage erhalten eine Pauschale, die auf alle Forschungsgruppen umgelegt wird. Dafür sind die Publikationen frei zugänglich“, erläutert Scholze das Modell. Mit SPARC Europe arbeitet er daran, dass solche offenen Modelle eines Tages der Normalfall für wissenschaftliche Publikationen vor allem aus dem Bereich der so genannten STM-Fächer (Science, Technology, Medicine) sein werden.

Auf der OPEN! 2016 am 7. Dezember in Stuttgart wird Scholze aus seiner Arbeit bei SPARC Europe berichten und die aktuellen Entwicklungen vorstellen. „Die Wissenschaftler wollen Open Access, aber die Verlage blocken teilweise massiv, zum Beispiel in Großbritannien. In den Niederlanden gab es hingegen einige wegweisende Einigung mit Verlagen“, erzählt er. Für Deutschland sieht Scholze noch Handlungsbedarf. „Wir stehen im Mittelfeld. Eine politische Open-Access-Strategie wie die des Bundesministeriums für Bildung und Forschung war aus meiner Sicht überfällig.“
 

Bundes- und Landespolitik fordern Open Access

Das Ministerium hat im September 2016 die Strategie „Open Access in Deutschland“ veröffentlicht. Die Bundespolitik hat damit ein deutliches Signal gesetzt, dass sie den offenen und unentgeltlichen Zugang zu Wissen über digitale Medien fordert. Die Landesregierung Baden-Württemberg hat im aktuellen Koalitionsvertrag ebenfalls ein Bekenntnis zu Open Access abgegeben: „Wir stehen gemeinsam für den Open-Access-Gedanken als einer zukunftsträchtigen Form, wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen“, heißt es dort.

Korinna Werner-Schwarz Korinna Werner-Schwarz, Wegbereiterin des E-Journal Economics

Open Access in den Wirtschaftswissenschaften

Eine Open-Access-Erfolgsmeldung gibt es aus den Wirtschaftswissenschaften. Seit 2007 geben das Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) und das Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft (ZBW) die Zeitschrift „Economics: The Open-Access, Open-Assessment E-Journal“ (E-Journal Economics) heraus. Eine Open-Access-Lawine haben die Macher zwar nicht losgetreten, aber das Magazin hat seinen Platz in der Riege der renommierten Zeitschriften gefunden. „Die Anzahl der eingereichten Beiträge steigt stetig, obwohl Open Access in den Wirtschaftswissenschaften eher wenig Beachtung findet“, sagt Korinna Werner-Schwarz, Volkswirtin und Administrative Editor am IfW. Sie hat das E-Journal mit entwickelt und von der ersten Stunde an begleitet.

E-Journal Economics E-Journal Economics: Pionierarbeit in der Wirtschaftswissenschaft (Bild: Screenshot)

Index und renommierte Namen vermitteln Qualität

Zwei Faktoren waren für den Erfolg mit entscheidend. Erstens: Die Aufnahme in den so genannten Citation Index. Damit erlangt eine Zeitschrift Relevanz im Wissenschaftsbetrieb. Zweitens: „Sehr wichtig war, dass der Präsident des IfW, Dennis J. Snower, als Editor mitarbeitet. Er ist hervorragend vernetzt und hat viele Türen geöffnet. Wir haben viele renommierte Namen, darunter Nobelpreisträger, im Board“, betont Korinna Werner-Schwarz.

Großen Zuspruch bekommt das E-Journal Economics aus Asien. „Dort steht weniger Geld für Verlagslizenzen zur Verfügung und die Verlage Elsevier und Wiley haben unlängst die Preise erhöht“, sagt die Diplom-Volkswirtin. Auf der OPEN! 2016 wird Korinna Werner-Schwarz über ihre Arbeit als Editor berichten und den offenen Begutachtungsprozess vorstellen, der für die Wirtschaftswissenschaften im Jahr 2007 noch etwas völlig Neues war, sich inzwischen aber zum Erfolgsmodell entwickelt hat.

Jens Crueger Jens Crueger, Digital Historiker und Überzeugungstäter

Kulturwandel zu Open Science

Jens Crueger ist Digital-Historiker und Parlamentarier in der Bremischen Bürgerschaft. Er fordert „ein Update des akademischen Systems“. Sein Leitbegriff lautet: Open Science. Crueger hinterfragt das gesamte wissenschaftliche System, weil viele der Traditionen, die dort gepflegt werden, der Offenheit entgegenstehen. „Die Wissenschaft erlaubt keine Fehler. Der Umgang mit Fehlern oder mit dem Scheitern sollte grundlegend diskutiert werden“, nennt er ein Beispiel. Auch die Habilitation hält er für ein Auslaufmodell. „Das Wissenschaftssystem regelt zu vieles mit sich selbst. Es sollte sich für eine Open-Science-Kultur neu erfinden“, mahnt Crueger.

OPEN! 2016 OPEN! 2016 - Konferenz für digitale Innovation (Bild: MFG)

Top-down und bottom-up

Er sieht zwei Ansätze die parallel ablaufen müssen: „Berufungsordnungen oder Prüfungsordnungen müssen von oben angepasst werden. Damit können die jungen Generationen, die hinsichtlich Offenheit und Digitalisierung andere Vorzeichen haben, ihre Vorstellungen von unten in das System hineintragen.“ Wer mit Jens Crueger über Open Science spricht, merkt schnell: er ist ein Überzeugungstäter. Auf seine Thesen im Rahmen seines OPEN!-Vortrags und der Podiumsdiskussion darf man gespannt sein.

Autor: Christoph Bächtle

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