Mitarbeiterwissen systematisch nutzen
07.02.2012 | Start-ups, Baden-Württemberg, Förderung
In einer monatlichen Serie stellen wir innovative Start-ups aus Baden-Württemberg vor: diesmal die delphit GmbH. Business Intelligence, Social-Media-Analyse, Marktforschung – mit hohem Aufwand versuchen Unternehmen, an Planzahlen und Markt-Feedback zu kommen. Dabei ist keiner so nah am Markt und an den Kunden wie die eigenen Mitarbeiter. Zwei Gründer aus Mannheim unterstützen Firmen dabei, diesen Wissens- und Erfahrungsschatz zu heben.
„Unsere Mitarbeiter sind unsere wichtigste Ressource.“ Diesen Satz hört und liest man oft. Gleichwohl ist er nur zur Hälfte richtig, sagt Sebastian Seitz. Die Arbeitskraft und das Fachwissen der Angestellten würden von den Unternehmen gehegt, das Wissen um Kundenwünsche oder Marktgeschehen liege dagegen häufig brach – so die Erfahrung des Gründers aus Mannheim.
Wie man aus Mitarbeiterwissen verlässliche Prognosen ableitet
Zahlreiche Gespräche hat er im letzten Jahr mit potenziellen Kunden geführt und kommt zu dem Schluss: „Die Unternehmen betreiben einen immensen Aufwand, um verlässliche Prognosen zu erhalten oder an Markt-Feedback zu kommen. Die eigenen Mitarbeiter werden dabei konsequent ausgeschlossen.“
Doch selbst wenn die Belegschaft in die Entscheidungsfindung einbezogen wird, bleibt es schwierig, das geballte Wissen strukturiert zu erfassen. Sebastian Seitz und Martin Kolb wollen mit einer neuen Softwarelösung dieses Problem lösen: delphit Social Business Intelligence sammelt und aggregiert Mitarbeiterwissen und leitet daraus verlässliche Prognosen ab.
Zwischenfazit: Softwareentwicklung funktioniert nicht im stillen Kämmerlein
Als Wirtschaftsinformatiker waren Sebastian Seitz und Martin Kolb schon während des Studiums freiberuflich in der IT-Beratung tätig und kamen dabei mit dem Thema mitarbeiterbasierte Vorhersageverfahren in Kontakt. Schnell stellten sie fest: „Es gab verschiedene Ansätze, aber bis dato hatte noch niemand eine Lösung erfolgreich im Markt platziert.“ Sie nahmen die Herausforderung an, bewarben sich um ein EXIST-Gründerstipendium und brachten nebenbei ihr Studium erfolgreich zu Ende.
Von Mai 2010 bis April 2011 feilten sie an der ersten Version ihrer Softwarelösung. So lange wurde ihr Vorhaben von EXIST gefördert. Doch das Stipendium erwies sich als Segen und Fluch zugleich. Weil sie in der Gründungsphase viel Freiheit und wenig Druck spürten, war ihr Prototyp zunächst nicht markttauglich.
„Wir dachten, unsere Lösung wäre ideal für das Risikomanagement geeignet, mussten aber feststellen, dass dort komplexe Bewertungsmethoden gelten, die wir nicht berücksichtigt hatten“, erinnert sich Sebastian Seitz. Spät, aber nicht zu spät zog das Gründerteam die Notbremse, ging in den Markt und holte dort Feedback ein: „Wir haben mit jedem gesprochen, der für uns greifbar war“, so der Gründer. Die Ergebnisse sind in die neue Version von delphit Social Business Intelligence eingeflossen.
Wetten als Anreiz für die Mitarbeiter, verlässliche Prognosen abzugeben
Anders als eine klassische Business-Intelligence-Lösung sammelt und aggregiert delphit Social Business Intelligence nicht die Geschäftsdaten eines Unternehmens, sondern die Einschätzungen von Mitarbeitern. Um möglichst verlässliche Informationen für die Auswertung zu erhalten, haben die Gründer eine originelle, aber effektive Methode gewählt: Sie lassen die Mitarbeiter auf ihre Prognosen wetten.
Wie bei einer richtigen Wette gibt es auch bei delphit einen Wetteinsatz und einen Gewinn. Wer mit seiner Einschätzung richtig lag, erhält virtuelle Punkte, die später gegen Urlaubstage, Geldprämien oder andere Vergünstigungen eingetauscht werden. „Die Teilnehmer haben dadurch einen Anreiz, möglichst nur solche Einschätzungen abzugeben, die sie selbst für richtig halten“, erklärt Sebastian Seitz. Jede abgegebene Wette fließt in die Prognose ein. Die Daten, beispielsweise Vorhersagen zu den Absatzzahlen für das laufende Quartal, können in Echtzeit abgerufen und für die Planung herangezogen werden.
Pilotprojekt bei einem DAX-Konzern läutet die Testphase ein
Am häufigsten wird das Tool für Prognosen in den Bereichen Vertrieb, Qualitätssicherung und Entwicklung genutzt. Zwei Pilotkunden testen delphit Social Business Intelligence seit Januar 2012 im täglichen Einsatz, darunter ein großer DAX-Konzern aus dem Südwesten. Sebastian Seitz und Martin Kolb sind zuversichtlich, dass der Testlauf erfolgreich verläuft und ihre Gründergeschichte so positiv weitergeht, wie sie begann.
Dass sie in den letzten zwei Jahren vieles erreicht haben, verdanken die Unternehmer in erster Linie ihrem Können, ihrem Einsatz und ihrem Durchhaltvermögen. Aber es gibt auch Unterstützer, die das Projekt von Anfang an begleitet haben. bwcon spielt dabei eine zentrale Rolle. Sebastian Seitz und Martin Kolb haben nicht nur von den Beratungs- und Weiterbildungsangeboten profitiert, sondern auch vom Netzwerk der Wirtschaftsinitiative. Über bwcon entstand der Kontakt zu PR-Berater Oliver Hahr, der die Gründer über mehrere Monate coachte.
IBM unterstützt die Gründer im Rahmen des Global-Entrepreneur-Programms
IBM, eines der Gründungsmitglieder von bwcon und Premiumsponsor des CyberOne, unterstützt die beiden Jungunternehmer im Rahmen des Global-Entrepreneur-Programms. „IBM kümmert sich sehr unbürokratisch und wohlwollend um Start-ups aus der Hightech-Branche.“ Der IT-Konzern berät und fördert die Gründer, vermittelt Kontakte zu Bestandskunden und unterstützt bei Integrationsprojekten. Positiver Nebeneffekt der Zusammenarbeit: „Durch die Partnerschaft mit IBM werden wir als Start-up sehr viel positiver wahrgenommen“, freut sich Sebastian Seitz.
Diese Form des Co-Marketings ist für die Gründer besonders wertvoll. Denn obwohl das Attribut „Social“ in aller Munde ist, wird der Nutzen von „Social Business Intelligence“ häufig unterschätzt. „Wir müssen noch viel Aufklärungsarbeit leisten, um das Thema in den Unternehmen zu platzieren“, erklärt Sebastian Seitz.
Über bwcon
Die Wirtschaftsinitiative Baden-Württemberg Connected – bwcon – fördert und unterstützt Start-ups aus der IT- und Hightechbranche mit einer Reihe von Serviceangeboten. So wie mit dem landesweiten Unterstützungsprogramm Coach & Connect Plus+, das vom Ministerium für Finanzen und Wirtschaft mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert wird. In Beratungsgesprächen erhalten junge, expandierende Hightech-Unternehmen und innovative Gründer Rat und Hilfe zu Themen wie Businessplanung und Finanzierung. Zusätzlich veranstaltet bwcon regelmäßig Workshops, Seminare, Roundtables und Fachforen zu spezifischen Gründerthemen. Zudem geben erfahrene Manager im Rahmen der bwcon: Coaching Group ihr Wissen an junge Unternehmer weiter. Und schließlich steht den Start-ups über bwcon ein Netzwerk aus über 480 Unternehmen und Forschungseinrichtungen und mehr als 4.600 Mitgliedern für das Networking und den Erfahrungsaustausch offen.
Text: Michaela Kürschner