Kreativräume von morgen: Architektur wird dynamisch

Stuttgart | 01.02.2016 | In Zukunft könnten sich Arbeitsräume sensibel an die Bedürfnisse ihrer Nutzer anpassen
Treppe zum Sitzen Bei Jung von Matt/Neckar dient eine Treppe als Treffpunkt. (Bild: Bottega + Ehrhardt / D. Franck)

Wie sehen Räume in der Arbeitswelt der Zukunft aus? Auf jeden Fall werden sie vielfältiger und flexibler sein als heute. Und vielleicht werden sie dank adaptiver Architektur sogar unmittelbar auf die individuellen Bedürfnisse von Mitarbeitern reagieren, um sie in Entwicklungsprozessen optimal zu unterstützen.

Schon Charlie Chaplin hat sich in seinem Filmklassiker „Moderne Zeiten“ damit beschäftigt, wie neue Technologien und Produktionsweisen unser Leben verändern. In welchem Ausmaß die digitale Revolution unsere Arbeitswelt noch verwandeln wird, können wir bloß erahnen. Dank mobilem Netzzugang ist die Büroarbeit schon heute nicht mehr an Raum und Zeit gebunden, Wissen überall verfügbar. Im Internet der Dinge und der Industrie 4.0 werden vernetzte Maschinen zu intelligenten Akteuren.

Alexander Rieck Am Fraunhofer IAO forscht Architekt Alexander Rieck zur Gestaltung von Arbeitsumgebungen (Bild:LAVA)

Kreativität gewinnt als Produktionsfaktor an Bedeutung

Neben selbstfahrenden Staubsaugern und Rasenmähern dürften uns bald noch ganz andere Helfer zur Hand gehen. Immer mehr Arbeitsprozesse werden von Computern übernommen. „Eine wichtige Aufgabe, die uns Menschen da bleibt, ist es, Lösungen für neue Herausforderungen zu finden“, sagt Dr. Alexander Rieck. „Und das ist eine Frage der Kreativität“, so der Geschäftsführer des Laboratory for Visionary Architecture (LAVA) in Stuttgart.

Entsprechend regt der digital getriebene Wandel Unternehmen an, Räume für kreatives Arbeiten noch besser zu gestalten. Der wachsende Innovationsdruck, das Ringen um die besten Fachkräfte und das Aufbrechen starrer Linienorganisationen verstärken diesen Trend.

Mark Phillips Mark Phillips untersucht informelle Kommunikation in „Zwischenräumen“ (Bild: HS Coburg)

Kommunikationsgelegenheiten in Zwischenräumen

Aber wie können uns Räume dabei unterstützen, kreativ zu sein? Das ist eine Frage, mit der sich Architekt Alexander Rieck als Projektleiter im Office Innovation Center des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) beschäftigt. Laut Rieck sind zwei Faktoren von herausragender Bedeutung: erstens Kommunikationsgelegenheiten, bei denen auch implizites Wissen ausgetauscht wird, und zweitens Umgebungen, die das Wechselspiel zwischen Aktivierung und Entspannung unterstützen.


Mit Kommunikationsgelegenheiten sind dabei nicht bloß Räume für Besprechungen oder Projektarbeit gemeint. Eine wichtige Rolle können zum Beispiel auch Flure, Treppen oder Aufzüge übernehmen. Was spontane Begegnungen in solchen „Zwischenräumen“ in puncto Kreativität bewirken können, nimmt Mark Phillips vom Stuttgarter Architekturbüro Orange Blu Building Solutions, Professor für experimentellen Raum an der Hochschule Coburg, gerade in einer Forschungsarbeit unter die Lupe. Anhand von Testaufbauten beobachtet er bis Ende 2016 im laufenden Betrieb des Architekturbüros, wie der eher informelle Austausch in solchen Transitzonen auf kreative Prozesse wirkt.

Lechtende Decke mit beweglichen Modulen Neuentwicklung: variable Raumhöhe dank beweglicher Deckenmodule (Bild: LAVA)

Abwechslung und immer wieder neue Impulse

„Um Kreativität zu fördern, haben manche Unternehmen auch sehr einladende Räume geschaffen, die durch ein spezielles Design inspirieren“, weiß Alexander Rieck, „aber leider nutzen sich Wow-Effekte schnell ab, denn der Mensch ist hochgradig dynamisch“, so der Fraunhofer-Forscher. Laut Rieck brauchen wir immer wieder neue Impulse, damit wir uns wohlfühlen, so wie wir sie auch in der Natur bekommen, zum Beispiel durch Licht und Schatten oder durch verschiedene Geräusche und Gerüche.

Da Kreativität in einem Wechsel aus geistiger Anspannung und Entspannung entsteht und je nach Phase unterschiedliche Atmosphären, Experimentierflächen, Werkzeuge und Visualisierungsmöglichkeiten gefragt sind, ist es mit einem einzelnen Kreativraum in der Regel also nicht getan. Es braucht eine Vielfalt von Räumen, um den jeweiligen Anforderungen gerecht zu werden, oder ein Angebot, das sich je nach Bedarf konfigurieren lässt.

Dynamische Lichtdecke Eine dynamische Lichtdecke vermittelt das Gefühl von freiem Himmel (Bild: Bakschas/Fraunhofer IAO)

Adaptive Räume, die sensibel auf Bedürfnisse reagieren

Schon heute zeigen sich viele Kreativräume flexibel. Zum Beispiel durch bewegliches Mobiliar oder unterschiedliche Sitz- und Präsentationsmöglichkeiten. Die Kreativräume der Zukunft werden sich aber noch viel feiner justieren lassen – von Lichtstimmungen und Luftfeuchtigkeit bis hin zu Sauerstoffzufuhr und Akustik. „Es wird adaptive Räume geben, die sensibel auf die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiter reagieren und die uns auf sehr viel mehr sensorischen Ebenen beeinflussen, als wir uns das heute vorstellen können“, prognostiziert Rieck.

Möglich wird das durch anpassungsfähige Architekturen in denen sogar die Raumgeometrie veränderbar ist. So haben Rieck und seine Kollegen von Lava zum Beispiel bewegliche Deckenmodule entwickelt, mit denen man die wahrgenommene Raumhöhe nach Bedarf variieren kann. Auch neuartige Medien dürften zum Einsatz kommen, wenn Arbeitsumgebungen – wie die Natur – im Tagesverlauf immer wieder anregende Impulse geben. Wie das aussehen kann, zeigt etwa die dynamische Lichtdecke des Fraunhofer IAO, die den Eindruck vorbeiziehender Wolken am Himmel vermittelt.

 

Arbeitsszene Viel Freiraum für Visualisierungen und die Arbeit am Modell (Bild: Milla & Partner)

Intelligente Arbeitsumgebungen: Traum oder Albtraum?

Wie die Fabrik der Zukunft wird also auch das Büro der Zukunft zunehmend von intelligenten Umgebungen geprägt sein, in denen sich physikalische und informationstechnische Welt verbinden. Die Steuerung der vielfältigen Raum-Gestaltungsvariablen werden Systeme mit weiterentwickelten Multi-Sensoren übernehmen, die zum Beispiel Informationen über Temperatur, Licht- und Luftqualität aufnehmen oder die anhand von anhand von Gesichtserkennung, Bewegungstempo oder Herzfrequenz unseren Gemütszustand erkennen.

Nie wieder dicke Luft im Büro, ein wohltuender Wechsel aus Ruhe und Kommunikation, aus Entspannung und Konzentration… Ein Traum, wenn wir uns vorstellen, stets genau die Arbeitsumgebung vorzufinden, die unser Wohlbefinden und damit auch unsere Leistungsfähigkeit steigert. Ein Albtraum wenn wir befürchten müssten, am Ende zum Spielball von Maschinen oder Machthabern zu werden, so wie der Tramp in „Moderne Zeiten“. Es gilt also, die gewonnenen Möglichkeiten verantwortungsvoll zu nutzen. Kreativität und Produktivität werden sich auch in Zukunft dort am besten entfalten, wo Unternehmer und Mitarbeiter auf Augenhöhe agieren und Prozesse transparent gestalten.

Autorin: Silva Schleider
Mehr Infos: 
 

Office Innovation Center des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO)
Laboratory for Visionary Architecture (LAVA)
Orange Blu Building Solutions
Lehrstuhl für experimentellen Raum an der Hochschule Coburg
FZI Living Lab smartHome/AAL
 

Themenreihe „Kreativräume und Raumkreative“

Nicht nur Kreative brauchen kreative Räume, alle brauchen kreative Räume. Orte, an denen sich kreative Köpfe entfalten können, sind für Standorte und Unternehmen ein Wettbewerbsfaktor. Die MFG-Themenreihe nähert sich dem Thema Kreativräume aus wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektive.