Kulturschätze mit Hacker-Augen sehen

Stuttgart / Berlin | 29.04.2015 | Open Culture BW schickt ein Stuttgarter Team zum Kultur-Hackathon „Coding da Vinci“ nach Berlin
Junge Programmierer an Gruppentischen 35 junge Entwickler kamen zum „Hack for Culture“ in Stuttgart. (Bild: MFG Innovation)

Immer mehr Museen, Bibliotheken und Archive erfassen ihre Bestände digital und machen so auch ihre kostbarsten Stücke jedermann per Internet zugänglich. Allein in der Deutschen Digitalen Bibliothek sind über zwölf Millionen Objekte verzeichnet, im länderübergreifenden Pendant Europeana sind es über 40 Millionen.

Welche Schätze mögen in solchen Open-Data-Pools noch schlummern? Welche neuen Möglichkeiten eröffnen sie für die Erschließung und Präsentation unseres Kulturerbes? Beim Hack for Culture Anfang November 2014 in Stuttgart programmierten 35 junge Entwickler 42 Stunden lang um die Wette, um Apps, Visualisierungen und Dienste zu erfinden, die Kulturdaten auf spannende Weise erfahrbar und erforschbar machen.

Gruppenbild mit Urkunde Team Kolumbus v.l.n.r: Sebastian, Larissa, Fritz, Timo und Frederik (Bild: privat)

Kultur-Hackathon bringt Akteure aus zwei Welten zusammen

Organisiert wurde dieser „Hacker-Marathon“ von der MFG-Initiative Open Culture BW, die den Teilnehmern Zugang zu Datenbanken großer europäischer Bibliotheken und Archive verschaffte. „Wir wollten bei jungen Talenten aus dem ITK- und Kreativsektor die Lust an der Arbeit und am Spiel mit digitalisierten Kulturgütern wecken, wollten ihnen zeigen welche spannenden Objekte, Informationen und unterschiedlichen Formate Kulturinstitutionen zu bieten haben“, sagt Projektleiterin Corina Langenbacher.

Als beste Anwendung wurde die Kulturentdecker-App „Kolumbus“ ausgezeichnet, die komprimierte Informationen über umliegende Museen oder Sehenswürdigkeiten als Push-Nachrichten aufs Handy liefert. Das Gewinner-Team nimmt nun am großen Kultur-Hackathon Coding da Vinci in Berlin teil – unterstützt durch ein Stipendium der MFG.

„Ein wichtiges Ziel von Open Culture BW ist es, Kulturinstitutionen und junge Kreative zusammenzubringen. Wir wollen ihnen zeigen, was sie gemeinsam bewegen können. Deswegen gehören wir auch zu den Sponsoren von ‚Coding da Vinci‘“, erklärt Corina Langenbacher. Die Idee, auch dem Gewinner-Team des „Hack for Culture“ in Stuttgart die Teilnahme am großen Kultur-Hackathon in Berlin zu ermöglichen, lag da nahe. Über 30 Kultureinrichtungen und weit über 100 Programmierer treffen sich bei diesem Event in den Räumen von Wikimedia Deutschland zum coden. „‚Coding da Vinci‘ ist in Deutschland der Kultur-Hackathon schlechthin“, sagt Langenbacher, „und die Teilnahme des Stuttgarter Teams ist ein toller Abschluss der Initiative Open Culture BW, die im April 2015 zu Ende geht“.

Die vier Teamkollegen am Rechner Larissa Laich und Frederik Riedel (rechts) mit ihren Teamkollegen bei Coding da Vinci (Bild: privat)

Hackathon-erfahrene Programmierer aus Stuttgart reisen nach Berlin

Für Frederik Riedel und Larissa Laich, die mit ihren beiden Kollegen vom Team Kolumbus nach Berlin reisen, ist ein Hackathon alles andere als Neuland. „Wir haben in den letzten Jahren bei rund zehn Hackathons mitgemacht, unter anderem in Philadelphia, San Francisco und London“, erzählt Frederik. Was fasziniert den 20-jährigen Softwaretechnik-Studenten an diesen Programmier-Wettbewerben? Es ist vor allem „die spannende Mischung an Leuten aus verschiedensten Disziplinen, durch die neue Ideen wie von selbst entstehen“.

Diese inspirierende Mischung kommt auch bei „Coding da Vinci“ zusammen. Ansonsten hat der Berliner Hackathon aber ein eher atypisches Format. Denn hier wird nicht bloß zwei oder drei Tage um die Wette programmiert. Bei der Auftakt-Veranstaltung am letzten April-Wochenende haben 30 Kulturinstitutionen ihre Daten und Schnittstellen vorgestellt. Daneben hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, ihre Programmier- und Hardware-Kenntnisse in Workshops zu vertiefen.

Kulturvertreterin mit Notizblock Akteure aus Kulturinstitutionen begegnen Entwicklern. (Bild: CC-BY Coding da Vinci / H. Marquardt)

Entwickler und Institutionen profitieren vom direkten Austausch

„Es war hilfreich, dass die Vertreter der Kultureinrichtungen ihre Daten persönlich vorgestellt haben. Dadurch haben wir eine viel konkretere Vorstellung von den Datensätzen bekommen“, findet Larissa. „Wenn wir Programmierer uns direkt mit den Experten aus der Kulturszene austauschen, werden auch die Resultate besser“, ist die 19-jährige Softwaretechnik-Studentin überzeugt.

Den Akteuren aus der Kulturwelt bringt der direkte Austausch mit Programmierern, Designern und Gamern ebenfalls Vorteile: Sie lernen, ihre eigenen Bestände mit anderen Augen zu sehen, entdecken neue Anknüpfungspunkte für die Aufbereitung und Vernetzung ihrer Daten. Und nicht zuletzt knüpfen sie Kontakte zu jungen Kulturinteressierten.

Die Teamkollegen im Gespräch Das Stuttgarter Team beim Kultur-Hackathon in Berlin. (Bild: CC-BY Coding da Vinci / H. Marquardt)

Große Vielfalt der Datensätze fasziniert

Fasziniert waren Larissa und Frederik von der Vielfalt der Daten. Das Spektrum reichte von Fotografien aus dem Ersten Weltkrieg bis hin zu Notenrollen von selbstspielenden Klavieren. „Beeindruckend fand ich die hoch aufgelösten historischen Karten von Hamburg, auf denen man sogar die Straßennamen und kleine Zeichnungen zum damaligen Stadtleben erkennen konnte. Oder die Linguistik-Datenbank, in der Worte in 25.000 Sprachen und Dialekten erfasst waren“, erzählt Frederik.

Er findet es „wichtig, dass man solche Kulturdaten auch zeitgemäß präsentiert“, um insbesondere „bei jungen Leuten Interesse zu wecken, denen diese Kulturgüter bisher vielleicht langweilig erscheinen oder nicht zugänglich sind“. Ab dem Kick-off-Wochenende in Berlin haben die Teams nun zehn Wochen Zeit, um ihre Projekte voranzutreiben. Am 5. Juli werden dann die Ergebnisse präsentiert und die Sieger gekürt.

Screenshot der Coding da Vinci Website Am 5. Juli 2015 ist die Preisverleihung des Berliner Kultur-Hackathons. (Bild: Coding da Vinci)

Auf den digitalen Pfaden römisch-deutscher Könige wandeln

Aus der Fülle des Datenangebots hat sich das Team aus Stuttgart für die Datenbank Regesta Imperi an der Universität Mainz entschieden, die rund 120.000 Urkunden und Verträge der römisch-deutschen Könige inklusive dazugehöriger GPS-Daten enthält. „Wir wollen diese Informationen visualisieren, indem wir für die verschiedenen Herrscher eine Art Bewegungsprofil erstellen. So können wir anschaulich darstellen, wo sich ein König oder Kaiser zu welcher Zeit verstärkt aufgehalten hat und bis wohin sein Einfluss reichte“, erläutert Larissa.

Wenn alles nach Plan läuft, können wir vielleicht schon bald auf virtuellen Pfaden den Kutschen und Pferden folgen, mit denen sich Kaiser Barbarossa und Karl V. einst auf den Weg zu ihren Untertanen und Vertragspartnern in ganz Europa machten.

Autorin: Silva Schleider
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Video „Hack for Culture“