Keine Scheu vor großen Auftritten

Reutlingen | 04.05.2017 | Die Kreativland Baden-Württemberg will der Branche helfen, im Markt sichtbarer zu werden
Szene aus dem Werbefilm „Geh doch nach Biberach“ Szene aus dem Werbefilm „Geh doch nach Biberach“ mit der Kunstfigur Rainer Holzrück (Bild: BPPA)

Rainer Holzrück, der selbst ernannte Win-Back-Manager, gibt alles für das Biberacher Rathaus und die regionale Wirtschaft. „Gottes schönste Gabe ist und bleibt der Oberschwabe“, schreit er so laut in ein Megafon vor dem Brandenburger Tor, dass ihm fast die Hornbrille aus dem Gesicht fällt. Er tut es nicht, um die Berliner milder gegenüber den vielen Zugereisten aus dem Südwesten zu stimmen, sondern um möglichst viele geflüchtete Schwaben zurück in ihre Heimat zu locken. An leere Werkbänke, Labortische und Computerarbeitsplätze in dieser blühenden Stadt, deren Reichtum vom Fachkräftemangel limitiert zu werden droht.

Der doppelbödig-komische Kurzfilm mit dem Titel „Geh doch nach Biberach“ mit dem Schauspieler Bernd Gnann alias Holzrück in der Hauptrolle hat sich zu Beginn des Jahres zum viralen Knaller entwickelt. Mehr als 780.000 Klicks sind bisher bei Facebook aufgelaufen.

Visual #KreativlandBW Neuigkeiten gibt es unter dem Hashtag #KreativlandBW. (Bild: MFG)

Aufmerksamkeit für Standort und Unternehmen

Fernsehsender berichteten, Radiostationen und jede Menge Zeitungen. Erfinder der kommunalen Imagekampagne ist Lukas-Pierre Bessis, Chef der Stuttgarter Agentur BPPA Bessis Pink Pony Advertising. Der Werbefilm habe nicht nur dem oberschwäbischen Wirtschaftsstandort geholfen, sondern auch dem eigenen Unternehmen, sagt er. „Wir haben durch den nationalen Presserummel bestimmt ein halbes Dutzend Anfragen erhalten, die sich auf die Biberacher Kampagne beriefen.“ Berufskollegen bis hinein in den Berliner Art Directors Club verlangten seither von ihm zu wissen, wie er das gemacht habe.

Fragen zu seinem schwäbischen Leuchtturmprojekt wird Lukas-Pierre Bessis auch bei der Landeskonferenz für Kreativwirtschaft beantworten, die am 22. Mai um 13 Uhr in Reutlingen beginnt. In den Räumen des Kunstvereins Reutlingen gehört der Stuttgarter zu den Referenten – neben Susan Barth beispielsweise, Initiatorin des sozialen Kunstprojekts „Erinnerungsguerilla“. Auch Dominik Kuhn alias Dodokay von Starpatrol Entertainment in Reutlingen ist da, spricht über „Virales Marketing im Todesstern Stuttgart“. 
 

Stefanie Huber „Auch mal neue Wege gehen“: Stefanie Huber (Bild: 9.2 Agentur für Kommunikationsdesign)

Im Fokus: Sichtbarkeit kreativer Arbeit

Das veranstaltende Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg hat in diesem Jahr den Schwerpunkt der Debatten auf das Thema „Sichtbarkeit“ gelegt. Kreativarbeiter grübeln meist viel darüber, wie sie ihre Kunden und deren Produkte groß herausbringen können. Wie es zugleich gelingen kann, die Schweinwerfer der öffentlichen Wahrnehmung aufs eigene Unternehmen zu drehen, darüber herrscht oft Ratlosigkeit.

„Ein Wunderwerkzeug, das schnell und zuverlässig neue Kunden und damit mehr Umsatz generiert, gibt es leider nicht“, sagt Stefanie Huber  von der 9.2 Agentur für Kommunikationsdesign GmbH in Kirchentellinsfurt. Sie kommt als Vertreterin des IHK-Netzwerks Kreativwirtschaft nach Reutlingen. Im regionalen Verbund, sagt sie, liege eine große Chance für Kreative aus allen Bereichen, die eigene Bekanntheit zu fördern.

Lukas-Pierre Bessis Nationaler Presserummel: Lukas-Pierre Bessis von Bessis Pink Pony Advertising (BIld: BPPA)

Stärker im Verbund

Wie das funktionieren kann, zeigt das IHK-Netzwerk Kreativwirtschaft in Seminaren und Workshops. Nicht gegen andere, sondern mit anderen, das ist für Stefanie Huber eine Erfolgsformel: „Was ich jedem Unternehmen ans Herz legen möchte ist, mutig zu sein, auch mal neue Wege zu gehen – und den direkten Austausch mit jungen, spritzigen, aber auch erfahrenen Kreativen in der Region zu nutzen.“

Direkter Austausch, genau das ist der Sinn der Kreativland Baden-Württemberg. Dass es dabei nicht allzu präsidial oder verklausuliert zugeht, dafür dürfte nicht zuletzt Agenturchef Bessis sorgen. „Der Kreativstandort“, fordert er vorab, „muss seine Mittelmäßigkeit über Bord werfen und herausragende Ideen entwickeln wollen.“ Das betreffe nicht nur die Kreativschaffenden, „sondern auch deren Auftraggeber“.  Ideen müssten „nicht nur auffallen, sondern auch relevant sein für den Empfänger“.

Wofür brennst du? Ideenstark sucht Kreative in Baden-Württemberg (Bild: MFG)

Starke Ideen aus Baden-Württemberg

Relevante, gelungene Arbeiten, die gibt es durchaus. Nur eben oft zu wenig Kenntnis davon. Damit sich das ändert, vergibt die MFG Innovationsagentur Medien- und Kreativwirtschaft, Organisatorin der Landeskonferenz, zum ersten Mal die Auszeichnung Ideenstark. Die Preisverleihung schließt sich abends an die Landeskonferenz an.

Unter dem Motto „Wofür brennst du“ wurden Impulsgeber, Innovationsstifter und Andersdenker aus der Kultur- und Kreativwirtschaft in ganz Baden-Württemberg gesucht. Über 90 haben ihre Ideen eingereicht. Wer wohl die Preise abräumt? Sicher ist jetzt schon: Wer im Glanz des Sieges von Reutlingen steht, darf wirklich sicher sein, nicht mehr übersehen zu werden.

Autor: Rüdiger Bäßler
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