Surround war gestern, VR-Sound ist heute

Baden-Württemberg | 19.07.2016 | Raumklang für virtuelle Realitäten: Die Technik dazu kommt auch aus Baden-Württemberg
Coachella : Das US-Popfestival Coachella wurde via Youtube live mit 360-Grad-Bild übertragen. (Bild: Youtube)

Um Konzerte aus der allerersten Reihe zu erleben, muss man bereits heute weder den Flug zum US-Popfestival Coachella buchen noch ein VIP-Ticket für das Konzert von Paul McCartney kaufen – und erst recht nicht in der Band A-ha mitspielen. Mehr noch: bei allen drei genannten Beispielen konnten die Zuschauer mittels Virtual-Reality-Technologie mitten auf der Bühne stehen.

Die Liveübertragungen via Youtube (wie vom Coachella-Festival) oder mittels eigener App (Paul McCartney) zeigen, was virtuelle Realität (VR) schon heute auch im Musikbereich leisten kann. Das in VR aufgezeichnete A-ha-Konzert kann man bis heute auf Youtube anschauen – mit Rundumblick mal von der Bühne, mal aus der ersten Reihe.

Dabei sind solche Übertragungen und Aufzeichnungen, wie sie marktübliche 360-Grad-Kameras sowie unter anderem der Videodienst Youtube möglich machen, nur ein Bereich, in dem virtuelle Realität Innovationen in der Musikbranche befeuert. Ein anderer ist die Technik für den perfekten Raumklang, also der 360-Grad-Sound zum 360-Grad-Bild.
 

VR-Brille Dank Virtual Reality kann man auch Konzerte auf ganz neue Art erleben. (Foto: SAE Institute)

Der VR-Kopfhörer zur VR-Brille

Christian Hoene ist Mitgründer von Symonics. Das Tübinger Unternehmen arbeitet an einem Kopfhörer, der perfektes räumliches Hören simuliert. Was einfach klingt – der Mensch kann mit zwei Ohren räumlich hören, also sollte Raumklang per Kopfhörer leicht umsetzbar sein –, ist ein Wunder der Natur. „Um räumlich zu hören, bräuchte der Mensch eigentlich vier Ohren“, weiß Hoene. Wie er es auch mit zwei kann, hat man erst nach jahrzehntelanger Forschung verstanden.

Für ihre Kopfhörer-Technologie macht Symonics dasselbe wie das menschliche Gehirn: räumliches Hören errechnen. Gemeinsam mit der Uni Tübingen sucht das Unternehmen nach derjenigen Technologie, die für den sich abzeichnenden Massenmarkt Virtual Reality den passenden Klang zum Bild liefert, also gewissermaßen die Sound-Ergänzung zu den Bildern aus VR-Brillen wie Oculus Rift und Co. „Eine gute Raumklangsimulation ist extrem aufwendig. Für eine perfekte Wiedergabe berücksichtigen wir sogar die jeweiligen Ohrformen der Hörer”, berichtet Christian Hoene.

 

Fohhn : Das Sound Lab von Fohhn in Nürtingen macht 3-D-Sound erlebbar. (Foto: Fohhn)

VR-Hype auch im Audiobereich

Im Laufe des kommenden Jahres soll gemeinsam mit dem Heilbronner Hersteller Beyerdynamic ein solcher Kopfhörer auf den Markt kommen. Das Konkurrenzfeld ist überschaubar; jeder hofft, zum richtigen Zeitpunkt mit dem richtigen Konzept an den Start zu gehen. „Der Hype wegen der VR-Brillen ist da”, das bemerkt auch der Symonics-Chef. Demnächst werden auch Youtube-Filme mit Raumklang verfügbar sein; die Aufnahme erfolgt mithilfe sogenannter B-Format-Mikrofonen mit vier Mikrofonkapseln. Symonics arbeitet daran, dass diese Aufnahmen dann auch realistisch wiedergegeben werden.

Perfekter Raumklang aus Nürtingen

In Nürtingen lassen sich virtuelle Klang-Realitäten seit drei Jahren ganz physisch erleben. Im Sound Lab der Firma Fohhn sind 46 Lautsprecher so im Raum angeordnet, dass dadurch jede beliebige Schallquelle an jeder beliebigen Stelle  positioniert werden kann. Eine auf einer Bühne gespielte Geige könnte dank der Lautsprecher und Software des Erfurter Herstellers Barco für die Zuhörer einmal quer durch den Raum wandern. Im Stuttgarter Club Zapata war das bis zu dessen Schließung im Jahr 2013 live zu erleben. Auch bei diesem Beispiel setzte man auf Rechenpower: Dank eines leistungsstarken Prozessors kann perfekter Raumklang simuliert werden, auch ohne rings um die Tanzfläche oder im Konzertsaal durchgängig Lautsprecher aufzuhängen. Mit 300 000 Euro war die Anlage in der Stuttgarter Diskothek dennoch kein Schnäppchen.
 

Fohhn Software von Iosono hilft, den Raumklang perfekt zu errechnen. (Foto: Fohhn)

Welches Opernhaus darf’s heute sein?

Zuletzt seien solche 3D-Lautsprechersysteme im Cinema 8 nahe Zürich sowie im Konzertsaal des Shanghai Tower verbaut worden, berichtet der Toningenieur Christian Bollinger von Fohhn. Der VR-Sound sei „wesentlich immersiver als Dolby Surround“, der Zuhörer tauche also tiefer ins Geschehen ein. „Für uns ist diese Technologie ein Zukunftsthema, weil das Hauptaugenmerk nicht mehr wie bisher auf den Bildern, sondern auf dem Ton liegt“, so Bollinger, „und wir können uns hier spezialisieren.“

Durch die theoretisch unbegrenzten Möglichkeiten, Schallquellen im Raum zu platzieren und den Klang jedes beliebigen Raumes zu simulieren, können auch die eingangs angesprochenen Liveübertragungen auf ein neues Level gehoben werden. Im Cinema 8 beispielsweise können dank der dort verbauten 76 Lautsprecher Opernaufführungen aus der Met nicht einfach nur abgespielt werden – der Besucher wird vielmehr das gleiche Klangerlebnis haben, als säße er in dem legendären New Yorker Opernhaus.

Man muss es gehört haben

„Man merkt, dass sich der Markt in diesem Bereich gerade entwickelt“, berichtet Bollinger. Umso wichtiger sei das Nürtinger Sound Lab: „Die meisten Ideen unserer Kunden entstehen, nachdem sie die Möglichkeiten vor Ort erlebt haben.“ Bollinger hat sein Handwerk am Stuttgarter SAE-Institut im Ausbildungsgang Audio Engineering gelernt. Dort ist das Thema Virtual Reality derzeit in aller Munde: nach zwei Virtual-Reality-Meetups, also Treffen der örtlichen Szene, richtet das Institut vom 12. bis 14. August den ersten VR-Hackathon aus. Dort kommen VR-Experten aus allen Teilbereichen der Branche zusammen, um VR-Anwendungen zu entwickeln - auch und gerade mit Blick auf Sounddesign und Musik. „Wir sind für solche Kooperationen stets offen”, betont Stefan Kohl, Bildungsberater am SAE-Institut Stuttgart.
 

Meetup VR-Meetups des Stuttgarter SAE Institute: Hier geht es um Bild und Ton (Bild: SAE)

VR-Sound aus Baden-Württemberg

Es gebe derzeit noch keinen eigenen Ausbildungsweg zum VR-Soundengineer, sagt Kohl. „Man spezialisiert sich darauf, das ist eine Nische“. So wie die SAE-Absolventen, die in Ludwigsburg die Firma Soundbits gegründet haben und dort Sounds insbesondere für Filme entwickeln. Ein anderes Beispiel sind die ebenfalls von SAE-Absolventen gegründeten X-Life Studios in Hamburg, die sich auf Sound- und Musikuntermalung von Spielen, auch im VR-Bereich, spezialisiert haben.

Besonders faszinierend findet Stefan Kohl die Möglichkeiten, die moderne Software in diesem Bereich bietet. Mit Programmen wie Wwise oder Fmod entstehen im SAE-Tonstudio beliebig veränderbare, perfekt im Raum verteilte Klänge. „Eine Aufnahme von Schritten über Steinboden kann so bearbeitet werden, dass es klingt, als würde man durch eine Pfütze stapfen”, schwärmt Kohl. Die Möglichkeiten, die das künftig für Musikproduktionen ergibt, kann man sich heute noch kaum ausmalen.

Auch an der Akademie für Darstellende Kunst in Stuttgart versuchen sich Studenten gemäß dem transmedialen Ansatz der Hochschule seit einiger Zeit an VR-gestützten Formaten. Ein Beispiel ist das VR-Projekt „Vernetzt“ – eine Tanzperformance zur Nibelungensage, die in Zusammenarbeit mit der Filmakademie Baden-Württemberg entstand. Hier ergänzten sich die räumliche und klangliche Liveerfahrung der Zuschauer mit dem mittels VR-Brillen vermittelten Eindruck, mitten auf der Bühne zu stehen.

Meetup VR-Meetups des Stuttgarter SAE Institute (Bild SAE Institute)

Das „Telefonorchester“

Nicht nur im Entertainment-Bereich, sondern auch für professionelle Musiker bietet VR-Technologie neue Möglichkeiten. Symonics ist beim Projekt „Fast Music“ an der Hochschule Anhalt beteiligt, bei dem virtuell ein 60-köpfiges Orchester gemeinsam musizieren soll – und zwar mit einer Art technisch stark weiterentwickelten Video-Telefonkonferenz. Beispielsweise bei einer Jazz-Jamsession, die parallel in drei Städten stattfand, wurde das bereits erfolgreich getestet.

Jeder Musiker kann mit dieser Technologie an einem anderen Ort auf der Welt sitzen, und doch können sie gemeinsam ein Musikstück aufführen – auch vor Publikum. Das macht beispielsweise Proben für weit verstreute Musikgruppen möglich, und es entkoppelt den Aufführungs- vom Rezeptionsort. Gut möglich, dass Zuhörer und Musiker sich eines Tages nicht mehr zwingend in der Konzerthalle treffen, sondern einfach zu Hause auf dem  Sofa sitzen.

Autor: Jan Georg Plavec