Mit Poe ins alte Herrenhaus: Literatur durch VR gruselig nah

Stuttgart | 13.07.2017 | Das Kultur-Team des Wettbewerbs BW Goes Mobile 2017 im Interview
Das Gewinnerteam von Poe beim Kickoff von BW Goes Mobile 2017 mit seinem Mentor Thomas Koch Das Gewinnerteam von Poe beim Kickoff von BW Goes Mobile 2017 mit seinem Mentor (Bild: MFG)

Mit BW Goes Mobile 2017 unterstützt die MFG zum sechsten Mal die Umsetzung vielversprechender mobiler Ideen. Der Wettbewerb hat in diesem Jahr die Themenschwerpunkte Mobilität, Kultur und Information. In diesen drei Kategorien haben sich kreative Köpfe aus Baden-Württemberg mit über 50 Ideen beworben – seit Februar stehen die Gewinner fest: für Mobilität das Projekt Movemates, für Kultur das Projekt Poe und für Information das Projekt docCase. Die drei Teams erhalten während einer halbjährigen Umsetzungsphase ihrer mobilen Konzepte gestaffelt jeweils 10.000 Euro Preisgeld, einen Mentor und Coachings.

Das Ende der Umsetzungsphase ist fast erreicht: Die Teams bekamen im Februar und im Mai jeweils eine Preisgeldauszahlung von 3.500 Euro und erhielten Input nicht nur von ihrem Mentor, sondern auch durch zwei Workshops im Februar und April. Im Mai stellten wir hier bereits das Team von Movemates vor.

Das Team von Poe, Gewinnerprojekt der Kategorie „Kultur erleben – aus neuen Blickwinkeln", besteht aus der Firma Nau-Hau von und mit Benjamin Rudolf, der unterstützt wird von Katrin Schweiger, Moritz Heinemeyer und Michaela Hampp. Thomas Koch, Direktor Kommunikation bei der Staatsoper Stuttgart, begleitet die Entwickler als Mentor und steht mit Rat und Tat zur Seite. Im Interview erzählen Poe von ihren Eindrücken der BW-Goes-Mobile-Umsetzungsphase, was sie bisher geschafft haben und was in den nächsten Wochen noch ansteht.

MFG: Worum geht es bei eurer Idee für BW Goes Mobile?

Poe: Wir erwecken mit Poe den Schriftsteller Edgar Allan Poe wieder zum Leben und das nur mit einer VR-Brille und einer App: Du ziehst als Spieler einfach die VR-Brille auf und befindest dich zusammen mit Poe in einer alten Villa. Edgar Allan Poe ist gerade ziemlich in Trauer um seine kürzlich verstorbene Frau Eleonore. Anfangs spielt er nur melancholische Musik auf dem Piano, dann aber holen ihn seine düsteren Gedanken unausweichlich ein und du begleitest ihn in die Abgründe der menschlichen Psyche.

Benjamin Rudolf, Initiator des Projektteams Poe Benjamin Rudolf (Nau-Hau) entwickelt mit drei Kollegen eine App für VR-Theater (Bild: Nau-Hau)

Statt VR-Lesung Theater in Virtual Reality

MFG: Wie beurteilt ihr die vergangenen Monate der Umsetzungsphase?

Poe: Während der letzten Monate haben wir uns eine neue mediale Ausrichtung der App überlegt: Anfangs wollten wir Poe sein Gedicht „Der Rabe“ nur vorlesen lassen. Aber die Idee, dass Poe selbst in die Rolle seines Protagonisten aus „Der Rabe“ schlüpft, ist einfach viel spannender. Anstatt nur eine Lesung in VR zu machen, gehen wir jetzt also einen Schritt weiter und machen mit der App gleich Theater in Virtual Reality. Durch diese Umorientierung hat sich einiges der eigentlichen Umsetzung verzögert, aber wir sind sicher, dass es das wert ist.
 
MFG: Wie kommt ihr mit der App voran?

Poe: Durch die Umstellung von VR-Lesung auf VR-Theater waren viele Grafik-Tests notwendig und die Arbeit am Skript wurde dadurch auch intensiviert. Katrin hat gleich angefangen, zu komponieren – für die Feinabstimmung mit ihrer Musik brauchen wir jetzt aber noch eine Sprecheraufnahme. Moritz hat schon ein 3D-Modell von Poe konstruiert, das muss nur noch eingefärbt werden.

MFG: Welche Hürden ergaben sich für euch und wie habt ihr diese gemeistert?

Poe: In unserem VR-Theater werden wir Edgar Allan Poe für etwa 13 Minuten Leben einhauchen. Dafür müssen wir vorher die Bewegungen seines Charakters über einen Motion-Capture-Anzug aufzeichnen. Diese Anzüge sind schon kleine Wunder, aber eben noch lange nicht perfekt. Mittlerweile haben wir Schnitte und Kamerabewegungen, damit können wir einfacher in einzelnen Abschnitten arbeiten und brauchen keine flüssigen Übergänge.

MFG: Beschreibt mal euren derzeitigen Arbeitsalltag

Poe: Da wir an verschiedenen Orten wohnen, haben wir leider keinen gemeinsamen Arbeitsalltag, denn Moritz sitzt in Hamburg, Katrin in Regensburg und Benjamin und Michaela in Ludwigsburg. Wir sind aber alle sehr flexibel und wenn eine wichtige Frage im Raum steht, können wir jederzeit miteinander kommunizieren: Wir benutzen viel Whatsapp, Facebook-Messenger und Skype, oft telefonieren wir aber auch ganz klassisch. Unser Projekt Poe selbst befindet sich in der Cloud, so dass wir von jedem Standort darauf zugreifen können. Es erfordert in unterschiedlichen Phasen zwar unterschiedliche Abläufe, meistens sitzen wir dafür jedoch am Rechner. Katrin hat‘s da mit ihrem Klavier schon abwechslungsreicher.

Katrin Sieber unterstützt das Team Poe als Komponistin Katrin Sieber ist für die Musik des Projekts Poe zuständig (Bild: Vanessa Badura)

Einführung in die Welt der Oper

MFG: Eure größte Erkenntnis aus dem BW-Goes-Mobile-Programm?

Poe: Einfach bewerben! Wir können jedem nur empfehlen, mitzumachen. Die Einreichung verzichtet auf das sonst übliche Businessplan-Getue und das macht viel Energie für die Umsetzung frei. Die Mentoren und Mitarbeiter sind auch alle total freundlich – Unsere Erkenntnis ist also, dass Förderungen in Baden-Württemberg gar nicht so bürokratisch sind, wie man oft hört.

MFG: Welchen Input hat euch euer Mentor Thomas Koch gegeben?

Poe: Thomas ist super – offen und neugierig! Während der FMX-Konferenz in Stuttgart haben wir ihn herumgeführt und ihm gezeigt, woran Hollywood gerade so arbeitet. Daraufhin hat er uns für die Welt der Oper sensibilisiert und uns zu einigen Erkenntnissen geholfen, besonders in Bezug auf Dynamik im Raum: So werden wir nun mehr Perspektivwechsel bei Poe einsetzen.

Wir sind sehr froh, einen Mentor aus dem kulturellen Bereich zu haben, denn mit uns und ihm treffen Welten aufeinander, die sich inspirieren. Allein Kenntnisse über die Oper helfen uns enorm, Analogien für Prozesse und Elemente im digitalen Raum zu finden. Ein technischer Mentor hätte solch einen Effekt wohl nicht erzeugt.

Moritz Heinemeyer unterstützt Poe als 3D-Artist Moritz Heinemeyer unterstützt Poe als 3D-Artist (Bild: Heinemeyer)

Für Poe-Fans und Poe-Neulinge

MFG: Was wollt ihr bis zum Ende der Umsetzungsphase erreicht haben?

Poe: Wir werden bis dahin wohl nicht mit unserer App fertig sein. Trotzdem halten wir es für möglich, alle Teilkomponenten in einer groben Fassung so zusammenzubringen, dass man sie mit der VR-Brille anschauen kann und einen ersten Gesamteindruck bekommt.

MFG: Und eure Wünsche für die App Poe in drei Jahren?

Poe: Wir wünschen uns, dass sie sowohl bei Fans des Schriftstellers Poe als auch bei Poe-Neulingen Anklang findet. Wenn ja, können wir auch mehr davon machen: Poe selbst bietet genug Stoff und man kann natürlich auch andere Genres bedienen – mal eine Sci-Fi-Kurzgeschichte und, wenn es gut läuft, auch größere Klassiker mit mehreren Charakteren auf der virtuellen Bühne.

Liebes Poe-Team, danke für eure Einblicke und auch auf den letzten Metern eine produktive BW-Goes-Mobile-Zeit!

Gerade stehen bei der Umsetzungsphase die dritte Preisgeldauszahlung von 3.000 Euro an und die Teams haben einen Pitching-Workshop absolviert. Im nächsten Interview berichtet das Informations-Team von docCase, wie sie die Umsetzungsphase von BW Goes Mobile erlebt haben.

Interview: Maike Schwarz
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