Ich bau mir eine Idee

Stuttgart | 16.08.2016 | Die Initiative HOLA verbindet Hochschulen mit Design Thinking
Design Thinking bedeutet auch eine Idee in etwas Greifbares umzusetzen (Bild: MFG)

Fahim Mohammadi hat mit Alex Keil zwei Kurzinterviews über Urlaub im Hotel geführt. Jetzt schneidet er aus Wellpappe Kreise aus, mit denen er ein Art Modell bastelt. Im Alltag ist Mohammadi Professor an der Stuttgarter Kunstakademie. Doch für eine Woche ist er Teilnehmer der HOLA Summer School in Stuttgart und sammelt Erfahrungen mit Design Thinking, einem strukturierten Kreativitätsprozess.

Prototypen machen Ideen konkret

Entscheidend beim Design Thinking ist, und deshalb griff Mohammadi zu Pappe und Schere, dass eine Idee in etwas Sichtbares und Greifbares umgesetzt wird. „Dieses Modell, das am Ende eines Design-Thinking-Prozesses gebaut wird, nennt man Prototyp“, erklärt Josef Buschbacher. Er ist ein erfahrener Design-Thinker, hat bereits viele Unternehmen durch die Lösungsentwicklung mit Design Thinking geschleust und führt durch die Summer School. „Der Prototyp ist aus mehreren Gründen wichtig. Zum einen führt das Erstellen des Prototyps nochmal dazu, sich mit der Problemstellung und einer potenziellen Lösung zu beschäftigen. Zum anderen ist der Prototyp konkret. Man verlässt die abstrakte Ebene, man hat etwas, das man seinen Testern zeigen und das man mit ihnen diskutieren kann.“

Projektleiterin Petra Newrly von der MFG (Bild: MFG)

Scheitern als Weg

Der Prototyp ist nicht die einzige Regel im Design Thinking. Eine weitere lautet: Scheitere früh. Scheitern ist also kein Makel. Im Gegenteil. Das Scheitern ist Teil des Wegs. Man darf beim Design Thinking also durchaus auf dumme Gedanken kommen. Man muss aber auch in der Lage sein, sich schnell wieder von Ideen und Prototypen zu trennen, wenn sie nichts taugen. 

HOLA: Innovationen für Hochschulen

Veranstaltet wurde die HOLA Summer School von der Innovationsagentur Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, MFG. Die Abkürzung HOLA steht für „Hochschulübergreifendes Labor für kooperatives Arbeiten“. Ziel ist, die Innovationsfähigkeit von Hochschulen zu stärken. „Wir wollen Dozenten neue Impulse für innovatives Lehren geben. Wir wollen aber auch Studierenden und Absolventen neue Ansätze im ganzheitlichen Denken und im interdisziplinären Arbeiten vermitteln. Design Thinking ist hierfür ideal, denn hier entstehen in heterogenen Teams, die lösungsoffen herangehen, besonders neue und kreative Ansätze“, erklärt Andrea Buchholz, die das Projekt HOLA bei der MFG, gemeinsam mit Petra Newrly, leitet. 

Projektleiterin Andrea Buchholz von der MFG und Heike Gfrereis, Leiterin des LiMo (Bild: MFG)

Herausforderungen aus der Praxis

Die MFG wollte es bei der Summer School nicht bei hypothetischen Problemen von Fantasie-Unternehmen bewenden lassen. Der Anspruch war: Ran an die Praxis. „Wir haben nach Unternehmen und Institutionen gesucht, die aktuell vor einem Problem stehen und dieses mit der Design Thinking-Methode bearbeiten lassen wollen. Diese Partner übernehmen in der Summer School den Part der so genannten Challenge-Geber, also letztlich die Rolle der Auftraggeber“, sagt Andrea Buchholz.

Als Challenge-Geber konnte die MFG drei sehr unterschiedliche Partner gewinnen: Das Deutsche Literaturarchiv Marbach, das Stuttgarter Nahverkehrsunternehmen Stuttgarter Straßenbahnen AG, kurz SSB AG, und die Stuttgart Internet Regional GmbH, die für die digitalen Aktivitäten der Zeitungsgruppe Stuttgart zuständig ist. Des Weiteren hatte die MFG eine Challenge für Hochschuldozenten vorbereitet. 

Museum, Mobilität, Medien

Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach sucht nach Möglichkeiten, Besucher stärker in die Gestaltung der Ausstellungen im Deutschen Literaturmuseum der Moderne einzubinden. „Wir stehen vor dem Problem, dass wir Exponate zeigen wollen, die ursprünglich gar nicht fürs Ausstellen vorgesehen waren, denn Manuskripte, Fotos, Briefe hatten zunächst einen ganz anderen Zweck. Wir wollen Besucher stärker beteiligen, Exponate in einen Zusammenhang zu bringen und damit eine Bedeutung zu verleihen“, erläutert die Leiterin der Literaturmuseen in Marbach, Heike Gfrereis. Sie hat in der Summer School eine Design Thinking-Proberunde mitgemacht. Ihr gefällt, dass die Methode ergebnisoffen ist. „Man lässt sich damit auf Prozesse ein, bei denen das Ziel und die Pragmatik ausgespart sind“, betont sie.

Nathalie Warszewik hat sich für die Museumschallenge aus Marbach entschieden. „Ich mache gerade meinen Master für Digitale Medien, da passt dieses Projekt sehr gut. Ich habe bereits viel mit Film gemacht und würde bei dieser Challenge gerne in Richtung Film und Kommunikation im Raum gehen“, erläutert die Studentin.

Challenge-Geber Svantje Dake, SIG GmbH, und Monika Birnitzer, SSB AG (Bild: MFG)

Neuer Dreh- und Angelpunkt in Stuttgart

Die SSB AG sucht nach Möglichkeiten, wie die Klett-Passage am Stuttgarter Hauptbahnhof künftig genutzt werden soll. „Die Klett-Passage wurde vor 40 Jahren eröffnet. Damals war sie ein Vorzeigeobjekt. Nun wird nicht nur ein neuer Bahnhof gebaut, sondern auch das Mobilitätsverhalten der Bürger ändert sich. Deshalb müssen wir uns für diese zentrale Drehscheibe in Stuttgart etwas Neues überlegen“, erklärt Monika Birnitzer von der SSB-AG. Verkehrsknotenpunkt, Einkaufspassage, Aufenthaltsort, Begegnungszentrum, Kulturbühne – was die Klett-Passage der Zukunft alles bieten kann, gilt es herauszufinden. 

Kommentarkultur und Leserbindung

Die Challenge der Stuttgarter Internet Regional GmbH, SIR, spielt sich am Übergang von realer und digitaler Welt ab. Die Foren großer Online-Medien stehen vor dem Problem, dass einige Online-Kommentatoren mit Hasskommentaren, Beleidigungen und unsachlichen Beiträgen die Diskussionskultur belasten. Das Unternehmen will daher neue Wege gehen, um Kommentare und Diskussionen in den Online-Medien der Zeitungsgruppe Stuttgart qualitativ besser zu machen und ansprechender zu präsentieren. Damit sollen Leser wieder mehr motiviert werden, zu diskutieren und das Angebot des Medienhauses intensiver zu nutzen.

Svantje Dake, Leiterin der Digital Unit der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, hat die Challenge vorgeschlagen. „Die zentrale Frage lautet für uns: Wie binden wir unsere Leser ein und zugleich an unsere Marke? Wir probieren zurzeit bei den Kommentarfunktionen vieles aus und wissen, dass es keinen Königsweg gibt“, sagt sie. Dake erwartet kein fertiges Konzept aus der Summer School und der Projektphase. Aber sie erhofft sich Impulse: „Ich schätze immer den Blick von außen und freue mich auf Anregungen die unser Projekt weiterbringen.“

Im Laufe des Jahres werden die Projektideen weiterentwickelt (Bild: MFG)

Neue Ideen für die Hochschullehre

Die Challenge der MFG richtet sich insbesondere an die Dozenten von Hochschulen. Denn ein Hauptanliegen der HOLA Summer School ist, Innovationen in der Lehre mit zu entwickeln und die Innovationsfähigkeit der Studierenden zu stärken. „Wir müssen Hochschulen langfristig als Innovationskulturen betrachten. Daher müssen wir die Hochschullehre offener, interaktiver und entsprechend den neuen Anforderungen des Arbeitsmarktes gestalten“, sagt Petra Newrly, Leiterin des MFG-Projektteams Technologieunterstütztes Lernen und Digitale Kultur.

Ideenreiche Woche

Nach drei Tagen intensiver Arbeit mit der Design-Thinking-Technik hatten die Teilnehmer viel über ihre Herausforderungen herausgearbeitet. Sie skizzierten mehrere potenzielle Nutzertypen, analysierten in Interviews die aktuelle Situation und den idealen Soll-Zustand. Es gab manches Scheitern, doch am Ende standen einige Prototypen. In den kommenden Monaten werden diese im Dialog mit erweiterten Nutzergruppen und durch Unterstützung von Coaches weiterentwickelt.

Wasserfall, Projektionen, neue Diskussionskultur

Fahim Mohammadi hat während der Summer School noch weitere Male zu Hilfsmaterialien gegriffen. Seine Mitstreiter ebenso. Vom Arnulf-Klett-Platz der Zukunft durfte man sich schon ein erstes vages Bild machen. Vielleicht rieselt dort eines Tages Wasser einen künstlichen Wasserfall hinab. Die Online-Leser des Stuttgarter Medienhauses werden dies dann möglicherweise diskutieren – kultiviert und sachlich versteht sich. Und das Museum in Marbach? Dort könnten in einigen Jahren vielleicht Datenbanken und aufwändige Projektionen den Besuchern das Mitmachen erleichtern. Fest steht jedoch schon jetzt: Bis zum Ende des Jahres werden die Ideen weit genug gereift sein, um vor den Challenge-Gebern präsentiert zu werden.

Autor: Christoph Bächtle
Mehr Infos:

HOLA Website und Blog
Videobeitrag zur HOLA Summer School 2016 auf youtube
Bildergalerie zur HOLA Summer School 2016 auf flickr