@diversity-Award: Technologie-Ideen beflügeln das europäische Kulturleben

Stuttgart | 19.02.2014 | Eine Kultur-App für Bahnreisende und ein audiovisuell Lifestyle-Magazin für Gehörlose überzeugen.

Es ist eines der wichtigsten Treffen zur europäischen Kulturpolitik, bei dem Androulla Vassiliou, EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend, im November 2013 in Brüssel spricht: das zweijährlich stattfindende Europäische Kulturforum.

Mit der Kommissarin stehen an diesem Tag zwei junge Teams aus Deutschland auf der Bühne des Palais der Schönen Künste „Bozar“. Sie haben eine Kultur-App für Bahnreisende und ein audiovisuell angereichertes Lifestyle-Magazin für die Gehörlosen-Szene entwickelt. Dafür werden sie mit dem @diversity-Award ausgezeichnet.

EU-Kommissarin Androulla Vassiliou bei der Preisverleihung des @diversity-Award EU-Kommissarin Androulla Vassiliou bei der Preisverleihung des @diversity-Award (Bild: de Arenosa)

Gesucht und gefunden: Innovative IKT-Lösungen fürs Kulturleben

Die EU-Kommission hat den Wettbewerb im Mai 2013 europaweit ausgeschrieben, um kreative IKT-Lösungen zu fördern, die das Kulturleben beflügeln. „Die Ideen sollten innovativ sein und neue Technologien für Kulturgüter oder -dienstleistungen nutzen, um sie zugänglich zu machen, zu verbreiten oder zu finanzieren“, erklärt Corina Simona Suceveanu, Projektleiterin Innovationsförderung und Kreativwirtschaft der MFG Baden-Württemberg. Als Innovationsagentur des Landes hat die MFG gemeinsam mit ihren Partnern peacefulfish (Berlin) und Kennisland (Amsterdam) die Organisation des Wettbewerbs übernommen.

Für die internationale Jury konnten Suceveanu und ihre Kollegen angesehene Experten aus Kultur, Medien und Kreativwirtschaft gewinnen, darunter der Stuttgarter Filmfestival-Gründer Ulrich Wegenast und Jan Runge, Geschäftsführer der Union Internationale des Cinémas (UNIC) in Brüssel.

Die Deaf-Magazine-Crew bei der Arbeit im Designbüro Morphoria. Die Deaf-Magazine-Crew bei der Arbeit im Designbüro Morphoria. (Bild:Morphoria)

Ein Lifestyle-Magazin für die Gehörlosen-Szene …

Insgesamt zwölf Gewinner wählte die Jury aus den über 250 Einreichungen aus. Beide deutschen Preisträger-Teams haben Wurzeln in Baden-Württemberg. In der Kategorie „Kultur öffnen“ konnten die Designer Alexandros Michalakopoulos und Andreas Ruhe gemeinsam mit der Gebärdensprach-Dolmetscherin Angela Koser punkten. Die drei kennen sich seit ihrer gemeinsamen Schulzeit in Kornwestheim. Ihr Deaf Magazine ist ein Lifestyle-Magazin, das die geschriebenen Worte einer designstarken Printausgabe mit gebärdensprachlichen Videos und anderen visuellen Inhalten verknüpft, und zwar durch 2D-Codes, die per Smartphone einlesbar sind.

Kommunikationsbarrieren überwinden, Zugang zu einer Kultur bieten, nämlich zur Kultur der Gehörlosen-Szene, das ist genau das, was unser Magazin macht“ sagt Andreas Ruhe, „deswegen fühlen wir uns in der Kategorie ‚Kultur öffnen‘ gut aufgehoben“. Zudem fördert das Deaf Magazine“ das Schrift-Textverständnis von Gehörlosen. „Weil in unserer Schriftsprache die Buchstaben nur Symbole für Laute sind und die Grammatik ganz anders ist als in der Gebärdensprache, fällt Gehörlosen das Lernen und Lesen dieser Schriftsprache oft schwer“, erklärt Ruhe.

Das WikiRail-Team bei der Präsentation im Rahmen des Europäischen Kulturforums. WikiRail-Team bei der Präsentation im Rahmen des Europäischen Kulturforums. (Bild: J.L. de Arenosa)

… und eine Kultur-App für Bahnreisende

Die App WikiRail von Achim Michael Hasenberg und Christoph Rose, beide Absolventen der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM), gehört zu den ausgezeichneten Projekten in der Kategorie „Kultur verbreiten“. Sie spielt Bahnreisenden in Echtzeit Informationen zu Kulturgütern entlang der Strecke zu. Dazu Hasenberg: „Je nach Stimmung kann der Reisende entweder den Audiofoto-Modus einstellen und entspannt dem Sprechertext zuhören, der durch Filme und Fotos ergänzt wird. Oder er kann die am Fenster vorbeiziehende Kulturlandschaft im Augmented-Reality-Modus selbstbestimmt und spielerisch erkunden – über interaktive Ikons, die ins Live-Bild seines Handy-Kamera-Displays eingeblendet werden.“

An der inhaltlichen Konzeption arbeiten Hasenberg und Rose mit ihrer Berliner Filmproduktionsfirma Filmband. Für die technische Umsetzung haben sie das Stuttgarter App-Development-Studio Quimron ihres HdM-Studienkollegen Manfred Zöllner hinzugezogen.

Mit einem Smartphone wird aus dem Deaf Magazine ein Videos in Gebärdensprache aufgerufen Das Deaf-Magazine vernetzt Print-Inhalte mit Videos in Gebärdensprache. (Bild: Morphoria)

Selbstbestimmtes Coaching nach individuellem Bedarf

Die feierliche Preisverleihung in Brüssel war ein Höhepunkt des Wettbewerbs. „Die öffentliche Präsentation vor weit über tausend Kulturschaffenden und Politik-Vertretern hat uns einen ordentlichen Aufmerksamkeitsschub gebracht“, freut sich Hasenberg. „Die Auszeichnung hilft auch, bei potenziellen Partnern und Investoren Vertrauen zu schaffen“, sagt Andreas Ruhe. Mit dem Konzept für das Deaf-Magazine haben er und seine Kollegen bereits einen Red Dot Award Communication Design 2013 und einen German Design Award 2014 gewonnen. „Der @diversity-Award signalisiert, dass unsere Idee nicht nur schön ist, sondern dass auch eine realistische Geschäftsidee dahinter steht“, sagt Ruhe.

Allerdings fängt die eigentliche Arbeit für die Gewinner nach der Preisverleihung erst an. Sie müssen ihre Ideen zu marktfähigen Produkten und Dienstleistungen weiterentwickeln. Dabei bietet ihnen das @diversity-Programm fachkundige Unterstützung: Einen Pool aus aktuell 14 Coacheserfahrene Experten für Fachgebiete wie Recht, Geschäftsmodelle, Finanzierung und Marketing sowie für Medien oder innovative Technologien.

Britische Ausgabe von „Wired“ berichtet über die Gewinner. Britische Ausgabe von „Wired“ berichtet über die Gewinner. (Bild: wired.co.uk)

Auftakt der Coaching-Phase

Zu den Coaches, die sich in diesem Programm engagieren, gehören auch der langjährige MFG-Geschäftsführer Klaus Haasis und der bwcon-High-tech-Business-Consultant Marc König. Insgesamt 13 Coaching-Tage – aufgeteilt in eineinhalbstündige Coaching-Sessions per Skype oder Telefon – darf jedes Team in Anspruch nehmen. Die Gewinner haben selbst die Wahl, welche Coaches sie in welcher Projektphase oder zu welcher Fragestellung ansprechen.

Mitte Januar 2014 trafen sich zum Auftakt der Coaching-Phase zunächst alle zwölf Teams bei einem zweitägigen Workshop in Berlin. „Zum Zeitpunkt der Einreichung waren die Geschäftsideen unterschiedlich weit ausgereift“, berichtet Suceveanu. „Beim Workshop konnte jedes Team noch einmal grundlegende Fragen zu Produktentwicklung und Geschäftsmodell betrachten, damit alle von einer soliden Basis ins Coaching starten. Und sie konnten überlegen, wie ihr konkreter Bedarf aussieht, wie sie das Coaching-Angebot möglichst effektiv nutzen“, so Suceveanu.

Die App WikiRail auf einem Smartphone Die App WikiRail informiert en passant über Kulturgüter entlang der Bahnstrecke. (Bild: WikiRail)

Pitchen bei Fachveranstaltungen und vor Investoren

Um den Entwicklungsprozess anzuregen und Kontakt zu potenziellen Geschäftspartnern zu knüpfen, muss jedes Team parallel zum Coaching sein Projekt auf mindestens zwei nationalen oder internationalen Fachveranstaltungen präsentieren und außerdem mindestens einmal vor Investoren. Im Kalender der Deaf-Magazine-Crew steht im März zunächst einmal die Augmented Media Conference in Amsterdam. „Einen Vortrags-Slot konnten wir dort zwar nicht ergattern, aber die Konferenz ist eine gute Plattform, um Partner für die technische Realisierung zu finden“, glaubt Andreas Ruhe.

Beide deutschen Preisträger erhoffen sich von der Teilnahme am @diversity-Programm vor allem Unterstützung bei der Suche nach Investoren. Auf dem Weg dahin will das Deaf-Magazine-Team zunächst noch seinen Business-Plan weiter detaillieren, um dann damit in Gespräche mit Investoren zu gehen. Die WikiRail-Macher stehen bereits in den Startlöchern für die Produktion eines Prototyps, in dem die App für eine erste Beispielstrecke komplett realisiert wird. „Wenn wir rasch eine Finanzierungszusage erhalten, dann sollen noch dieses Jahr zwei bis drei weitere Strecken hinzukommen“, plant Achim Michael Hasenberg. Man kann also schon einmal gespannt sein, welchen Projektstatus die Gewinner bei der Abschlussveranstaltung im Oktober 2014 in Brüssel präsentieren werden.

Autorin: Silva Schleider
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