Echter Dialog und jede Menge Empathie

Stuttgart | 27.07.2017 | Die Agentur jangled nerves gestaltet seit 1998 Museen und Ausstellungen. Thomas Hundt im Interview
Thomas Hundt Thomas Hundt: „Das allerwichtigste ist Empathie!“ (Bild: jangled nerves)

MIt ihrer Agentur jangled nerves gestalten Thomas Hundt und Ingo Zirngibl seit 1998 Museen und Ausstellungen – für Industriekunden genauso wie für die öffentliche Hand. Aktuell arbeiten die Stuttgarter Kreativen unter anderem an der Dauerausstellung, die ab April 2018 im neu eröffneten Stadtmuseum Stuttgart im Wilhelmspalais zu sehen sein wird. Im Gespräch mit der MFG Innovationsagentur Medien- und Kreativwirtschaft verrät Thomas Hundt, worauf es beim digitalen Dialog mit dem Publikum ankommt.

Herr Hundt, in Ihrer Diplomarbeit haben Sie 1996 untersucht, wie räumliche Wahrnehmung in der virtuellen Realität funktioniert. Zu dieser Zeit war das World Wide Web gerade mal fünf Jahre alt. Die Medien, über die Museen mit ihrem Publikum in Dialog treten, haben sich seither grundlegend verändert.

Ja, damals war ich sehr inspiriert von der Cyber-Punk-Literatur, deren Geschichten in der realen Welt und im Cyber-Space spielten. An Google, Wikipedia oder Facebook hat noch niemand gedacht. Und heute, 20 Jahre später, befinden wir uns immer noch mitten in der digitalen Transformation.

Ausstellungsraum mit interaktivem Tisch in der Mitte Entwurf für die neue Ausstellung im Stadtmuseum Stuttgart (Bild: jangled nerves)

Digitales Instrumentarium noch in Experimentierphase

Social Media, das mobil zugängliche Internet und die voranschreitende Digitalisierung von Kulturgütern eröffnen so viele neue Interaktionsmöglichkeiten, dass es für Museen – und Ausstellungen – gar nicht so leicht ist, die richtigen Wege und Formate für die Kommunikation mit ihrem Publikum zu finden.

Stimmt. Wir sind noch in der Experimentierphase und das digitale Instrumentarium ist noch lange nicht vollständig erschlossen. Aber das ist ja gerade das Spannende. Das Stadium ist vergleichbar mit der Automobilentwicklung Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals gab es Gefährte mit drei bis sechs Rädern, unterschiedlichste Mechanismen und Sitzanordnungen. Heute sehen im Prinzip alle Autos gleich aus. Die vielfältigen, noch offenen Möglichkeiten bieten uns enormen Gestaltungsfreiraum.

Ruhr Museum Durch Animationen werden stillgelegte Maschinen zum Leben erweckt (Bild: jangled nerves)

Das hört sich gut an. Aber wer ein begrenztes Budget hat, tut sich mit dem Experimentieren bisweilen etwas schwer.

Klar ist: Maßnahmen zur digitalen Kommunikation sind nicht umsonst zu haben. Museen müssen sich fragen: Können wir Teile des vorhandenen Budgets umwidmen, können wir das Budget aus eigenen Mitteln aufstocken oder über Förderprojekte, vielleicht auch über Kooperationen zusätzliche Mittel mobilisieren?

Welche Maßnahmen sich langfristig wirklich auszahlen, kann heute niemand mit Gewissheit sagen. Aber Häuser, die den digitalen Dialog mit ihrem Publikum erfolgreich beleben – zum Beispiel das Museum of Contemporary Art in Helsinki oder das Cleveland Museum of Art – zeigen: Man muss loslegen, um eigene Erfahrungen zu sammeln, um Know-how aufzubauen und die Maßnahmen stetig weiterentwickeln.

Stuttgart neu erzählt Bei „Stuttgart neu erzählt“ wird der Dialog zwischen Museen und Zielgruppe gestärkt (Bild: MFG)

Konzept für den digitalen Dialog selbst erarbeiten

Können Museen dieses Know-how nicht auch einkaufen?

Sie können digital-affine junge Leute einstellen, ihr Personal qualifizieren, sich von Agenturen beraten lassen, ja. Aber die digitale Strategie und das Konzept für den digitalen Dialog mit dem Publikum kann ein Museum nirgendwo als fertiges Produkt bestellen. Das muss jedes Haus von innen heraus entwickeln und leben, sonst wird es nicht greifen.

In welcher Planungsphase einer Ausstellung kommen Konzepte für den digitalen Dialog mit den Besuchern ins Spiel?

Idealerweise sollte das Konzept für den digitalen Besucherdialog von Anfang an integriert mit dem Ausstellungskonzept entwickelt werden. In einigen Ausschreibungen zur Ausstellungsgestaltung wird diese Aufgabe auch schon konkret formuliert. Die Regel ist das allerdings noch nicht.

In welcher Phase sollten Museen den Besucherdialog beginnen?

Das hängt von den spezifischen Qualitäten und Rahmenbedingungen ab, zum Beispiel von den Exponaten, vom Spannungsbogen der Ausstellung, vom digitalisierten Bestand, von den Kommunikationszielen, von der Zielgruppe...

Stuttgart neu erzählt Für das Stadmuseum Stuttgart: Video-Interviews mit Stuttgartern (Bild: Stuttgart neu erzählt)

„Customer Journey“: Sich in den Besucher hineinversetzen

Eine Möglichkeit ist es, schon die Ausstellungsinhalte partizipativ zu generieren. Das Projekt Stuttgart neu erzählt zeigt zum Beispiel, wie Museen neue Medien nutzen können, um das Publikum aktiv in die Gestaltung von Inhalten einzubeziehen.

Ja, besuchergenerierte Inhalte und Exponate sind eine Möglichkeit. Museen, die schon Teile ihrer Sammlung digitalisiert haben, können das Publikum auch einladen, ihre eigene digitale Ausstellung zu kuratieren, die sie dann wie eine Playlist mit Freunden teilen.

Man kann den digitalen Dialog aber auch analog anstoßen durch das, was Museen am besten können: packende Ausstellungserlebnisse. Unserer Erfahrung nach gelingt das zum Beispiel, indem man einen Bezug zwischen Exponat und Besucher herstellt, zeigt, warum bestimmte Fragen hier und jetzt auch für ihn relevant sind. Oder indem man die kollektive Wahrnehmung verstärkt, das gemeinsame Erleben mit Freunden oder Fremden, die sich für Ähnliches interessieren. So lassen sich Ankerpunkte schaffen, von denen aus man in sozialen Medien weiterdenken und diskutieren kann.

Den digitalen Dialog anstoßen ist das eine. Aber wie schaffen es Museen, mit ihrem Publikum dauerhaft im Gespräch zu bleiben?

Das allerwichtigste ist Empathie. Ich muss mich in den Besucher hineinversetzen, überlegen, was er wann braucht – von dem Zeitpunkt an, zu dem er auf die Ausstellung aufmerksam wird, bis zur Nachbereitung. Die Marketingmanager der digitalen Wirtschaft haben dafür den Begriff „Customer Journey“ geprägt. Das heißt nicht, dass ich immer das tue, was der Besucher von mir erwartet, aber dass ich ihm etwas biete, was ihn interessiert, was ihm nutzt oder ihn inspiriert.

FLiP Wien Die Grenzen zwischen digitalem und räumlichem Erlebnis lösen sich auf (Bild: jangled nerves)

Auflösung der Grenzen zwischen digitalem und realem Raum

Sich in den Besucher hineinversetzen. Wie gelingt Ihnen das?

Ein guter Anfang ist, einfach zu fragen: „Was interessiert Dich?“. Die eintreffenden Antworten können wir nutzen, um in einen echten, ernsthaften Dialog einzusteigen. Von einfachen Abstimmungen, deren Ergebnisse automatisch eins zu eins umgesetzt werden, würde ich allerdings eher abraten. Wenn wir in der Fußgängerzone alle Passanten fragen, welche Farbe das neue Museum haben soll, nennt jeder seine Lieblingsfarbe. Dann müssten wir alles immer knallbunt streichen. Oder wir mischen sämtliche genannten Farben und landen bei braun.

Wie sieht die Zukunft aus? Wie viel der Besucherkommunikation wird im Museum, wie viel im digitalen Raum stattfinden?

Digitale Kommunikationsangebote, die daherkommen wie ein deplatzierter Kontoauszugsdrucker, der sagt „schau her, ich bin eine digitale Anwendung“, sind schon jetzt nicht mehr zeitgemäß. Längst bringen Besucher ihre mobilen Devices mit ins Museum und nutzen sie auch dort, um Inhalte abzurufen, um Eindrücke einzufangen und zu teilen. Wir müssen ihnen Anlässe bieten, aktiv zu werden. In Zukunft werden sich die Grenzen zwischen dem digitalen und dem realen Raum aber noch weiter auflösen. Durch Augmented-Reality-Anwendungen wird es zu einer noch stärkeren Überlagerung von realen Orten und Exponaten durch digitale Inhalte kommen. Was bleibt, ist das kollektive Erlebnis im Raum.

Interview: Silva Schleider
Mehr Infos:  

Stuttgart neu erzählt

Aus der Reihe „Digitale Kultur“:

Teil 1: Kultur auf der Spur der digitalen Revolution
Teil 2: Der Stoff, aus dem die Spiele sind
Teil 3: Echter Dialog und jede Menge Empathie
Teil 4: VR erweckt Dinos und moderne Kunst zum Leben
Teil 5: Blogger: Eine neue Spezies von Kultur-Korrespondenten

Wichtige Termine und Seminare rund um die „Digitale Kultur“

 >> Terminübersicht Digitale Kultur zum Download

MFG    
 20. Oktober Besser kommunizieren in den sozialen Medien MFG Akademie-Seminar,
Freiburg
 15. November Storytelling in der digitalen Kommunikation MFG Akademie-Seminar,
Karlsruhe
 15. November Roadmapping: Digitale Strategien in Museen Literaturhaus, Stuttgart
 6. Dezember OPEN! 2017
Konferenz für digitale Innovation
Geno-Haus, Stuttgart